| Irrtümmer - Calvinismus |
Peter Streitenberger
Die Fünf Punkte des
Calvinismus
Eine Antwort
Seite 3
Peter Streitenberger
Die Fünf Punkte des
Calvinismus
- Eine Antwort -
Christlicher Mediendienst – CMD
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ISBN: 978-3-939833-08-6
Umschlaggestaltung: Walter Bergen, Neuwied
Satz & Layout: Walter Bergen, Neuwied
Druck: AALEXX Druck, Großburgwedel
Bibelzitate werden in der Regel nach der Schlachter-Übersetzung, CLV Bielefeld, 1. Auflage 2002 wiedergegeben.
Inhaltsverzeichnis
Der Kerngedanke: die Erwählung
Die Entscheidung vor Grundlegung der Welt
Das Wirken des Heiligen Geistes
Der Fünf-Punkte-Calvinismus: "T-u-l-i-p"
1. Völlige Verderbtheit – (Total Depravity)
Die Sündhaftigkeit des Menschen und die Schlussfolgerung des Calvinismus
Völlige Verderbtheit – eine biblische Lehre?
Konsequenzen aus der Lehre der völligen Verderbtheit
Was lehrt die Heilige Schrift über Glauben?
2. Bedingungslose Erwählung (Unconditional Election)
Erwählung – die zentrale Grundannahme des Calvinismus
Vorherbestimmung und Vorherwissen in der Erwählung
Göttliche Vorherbestimmung – auch der Sünde
Erwählung und Vorherbestimmung – wozu und wer?
3. BEGRENZTE SÜHNUNG (LIMITED ATONEMENT)
Die calvinistische Sicht über das Werk Christi am Kreuz
Gebet für die einen – daher keine Erlösung für die anderen?
Die Sünden vieler oder aller Menschen?
Begrenzte Sühnung – eine biblische Lehre?
Doppelte Bezahlung für Sünden – daher begrenzte Sühnung?
4. Unwiderstehliche Gnade (Irresistible Grace)
Gnade in calvinistischer Darstellung
Lehrt die Heilige Schrift die unwiderstehliche Gnade des Calvinismus?
Kennt die Bibel bewussten und willentlichen Widerstand gegen Reden Gottes?
Kann Gottes Ratschluss verworfen werden?
Gottes Wirken durch den Heiligen Geist
Verstockung – Gottes Antwort auf den Widerstand gegen sein Reden
5. Ausharren der Heiligen (Perseverance of the Saints)
Calvins Leben, Wirken und weitere Lehren
Das Evangelium in Genf vor Calvin
Die Vergebung der Sünden durch die Säuglingstaufe
Der Sakramentalismus im Abendmahl
Schlussgedanken zur Person Calvins
Die Zwei-Rufe-Lehre im Calvinismus
Ein Evangelium – zwei Absichten?
Die eine gefallene Welt – Zielgruppe der einen Verkündigung
Textinterpretation im Sinne des Calvinismus
Konnten oder wollten die Eingeladenen nicht zur Hochzeit kommen?
Ein Belegtext für den Calvinismus?
Die zwei Gruppen der jüdischen Zuhörer
Wirksame Berufung und unwiderstehliche Gnade?
Was lehrt dieser Vers und was nicht ?
Warum kamen die angesprochenen Juden nicht zu Christus?
Wie man zu Jesus Christus kommt: Hören – Lernen – Kommen
Exkurs: Das Heil im Johannesevangelium – für die ganze Welt oder nur für einige Erwählte?
Calvinistisches Verständnis und der Römerbrief
Der gesamte Brief im Überblick
Römer 8,29-30 ein Beleg für die Prädestination?
Gottes Vorherbestimmung der Gläubigen
Römer 9 und die Prädestinationslehre
Wer sind die „zum ewigen Leben bestimmten“?
Zeitlicher Zusammenhang und Urheber
Grund der Ablehnung der calvinistischen Exegese
Der Kernvers der Erwählungslehre
Erwählung und Vorherbestimmung
Der Glaube als unwiderstehliche Gabe an bestimmte Menschen?
Glaube als Gabe Gottes an Erwählte im Licht anderer Schriftstellen
Ein Belegtext für die bedingungslose Erwählung?
Zeitaspekt, Objekt und Ziel der Errettung
Die Rettung als künftiges Ereignis
Textinterpretation im Sinne der Auserwählung Ungläubiger
Der Christ im Spannungsfeld zwischen Gegenwart und Zukunft
Die Rettung des Paulus in das himmlische Reich
Die alternative Auslegung von 2Timotheus 2,10
Probleme der calvinistischen Deutung
Eine Gegenüberstellung: Die Erwählung der Gemeinde
Der Gegenstand der Auserwählung
Auserwählung als Auftrag – „Wen der Herr erwählt, der sei heilig“
Die Vollmacht des Akteurs der Auserwählung
Vorwort des Autors
In Vergangenheit und Gegenwart war und ist die Lehre Calvins für viel Christen, Gemeinden und Kirchen Gegenstand kontroverser Debatten, Konflikte und Spaltungen.
Insbesondere die letzten Jahre sind von einer enormen Zunahme an Buchveröffentlichungen, die auf Calvins Lehren aufbauen, gekennzeichnet. Über die Buchläden oder Büchertische der Gemeinden gelangen die Schriften zu den Lesern und die darin enthaltenen Gedanken in die Herzen vieler Christen und prägen diese nachhaltig. Vielerorts ist eine Neuorientierung in der Verkündigung zu beobachten, die zeigt, dass an vielen Stellen bereits ein Umdenken stattgefunden hat.
Für viele stellt dies eine erfreuliche Tatsache dar. Andere wiederum sehen dies mit Skepsis oder sehen darin sogar eine ernstzunehmende Gefahr für die Gemeinde Jesu und die bibeltreue Theologie.
Das vorliegende Buch versucht, die Kerngedanken der calvinistischen Lehre darzustellen und anhand der Heiligen Schrift zu untersuchen und zu prüfen.
Obwohl der Einfluss calvinistischer Lehre in der Gegenwart dabei im Mittelpunkt steht, ist es dazu auch notwendig, auf historische Personen und ihr Denken – wie natürlich etwa auf Calvin selbst – einzugehen, da die heutige Situation nicht ohne die geistesgeschichtliche Dimension verstanden werden kann.
Der Leser soll in die Lage versetzt werden, die grundlegenden Gedankenketten zu verstehen, um dadurch selbst prüfen zu können, ob die Lehre Calvins, die heute wieder verstärkt vertreten und verkündigt wird, akzeptiert werden kann oder nicht. Obwohl dabei maßgebliche Vertreter aus dem angelsächsischen Raum zu berücksichtigen sind, wurde versucht, insbesondere auch deutsche Vertreter der calvinistischen Denkweise zu Wort kommen zu lassen.
Obwohl zwangsläufig konkurrierende Ansichten dargestellt werden und auf ihre Stichhaltigkeit hin diskutiert werden, bedeutet dies nicht, dass über bestimmte Autoren wertende Aussagen über ihre sonstige Rechtgläubigkeit oder gar über ihr Christsein gemacht werden. Verschiedene Autoren haben sich in unterschiedlicher Weise zu der Thematik geäußert und haben eine faire und sachliche Auseinandersetzung mit ihrer Position verdient. Wenn konkurrierende Aussagen und Autoren zitiert und dargestellt werden, soll dies keinesfalls als persönlicher Angriff verstanden werden, sondern als Beitrag zur persönlichen Meinungsfindung dienen. An dieser Stelle sei jedoch eingestanden, dass der Autor in früheren Diskussionen zum Thema Calvinismus über das Ziel hinausgegangen ist und verschiedene Vertreter anderer theologischer Auffassungen in unsachlicher Weise kritisiert hat. Davon soll hinfort Abstand genommen werden, und in dieser Arbeit auf einer sachlichen Ebene abgewogen werden, welche Sichtweise der Heiligen Schrift am nächsten kommt.
Den folgenden Ausführungen liegt die Voraussetzung der völligen Widerspruchsfreiheit und Unfehlbarkeit von Gottes Wort zugrunde. Sämtliche theologische Aussagen (auch diese Ausführungen) müssen sich daran messen lassen, ob sie mit Gottes Wort in Einklang stehen, oder verworfen werden müssen. Die Gegner oder Befürworter der Lehren Calvins, die sich öffentlich zu diesen theologischen Fragen geäußert haben, sollten davon ausgehen können, dass andere Christen daran interessiert sind, "ob es sich so verhalte" (Apg 17,11), und die Heilige Schrift in diesen Fragen dazu untersuchen und als Instanz zur Beurteilung heranziehen.
Zwei Kriterien sollen über eine Annahme oder Ablehnung von Behauptungen, wie sie etwa im Calvinismus oder alternativen Auffassungen getroffen werden, entscheiden:
1) Widerspruchsfreiheit mit Aussagen der Heiligen Schrift
Treten ein oder mehrere Punkte der klaren Unvereinbarkeit eines Konzeptes mit der Heiligen Schrift auf, werden diese als unbiblisch verworfen, da „die Schrift nicht gebrochen werden kann“ (Joh 10,35).
2) Direkte Ableitung aus Gottes Wort
Sind eine oder mehrere Aussagen nicht auf Gottes Wort zurückzuführen, werden diese abgelehnt, da diese durch die Bibel weder belegt noch widerlegt, d.h. nicht geprüft werden können. Es ist in diesem Fall von menschlicher Spekulation oder Philosophie auszugehen, die keineswegs unfehlbar ist und als Grund zahlreicher Lehrabweichungen in Vergangenheit und Gegenwart anzusehen ist.
Wenn nicht anders angegeben, wird als Übersetzung die Ausgabe der Schlachterbibel 2000 verwendet. Literatur, die nur auf Englisch vorliegt, wurde zur besseren Verständlichkeit vom Autor ins Deutsche übersetzt.
Peter Streitenberger
Vorwort des Herausgebers
Ich halte dieses Buch für notwendig. Viele, die mit der calvinistischen Lehre sympathisieren, kennen das Lehrgebäude gar nicht wirklich. Peter Streitenberger ist es gelungen, die relativ komplexe Thematik verständlich darzustellen.
Trotzdem möchte ich stark betonen, dass wir die hier namentlich angeführten Brüder wie John MacArthur oder Benedikt Peters hoch schätzen – auch wenn wir den einen oder anderen Lehrpunkt unterschiedlich sehen. Wir möchten mit diesem Buch auf gar keinen Fall Trennung unter Brüdern anrichten oder vertiefen.
Auf dem deutsprachigen Buchmarkt sind in den letzen Jahren viele eher calvinistisch ausgerichtete Bücher erschienen. Wir halten es daher für angemessen, wenn nun auch einmal eine Publikation herauskommt, die sich kritisch mit dieser Lehrauffassung auseinandersetzt.
Möge Gott, der Herr, dieses Buch zum Wohl seiner Gemeinde gebrauchen!
Wilfried Plock, Herausgeber
Hinführung zur Problematik
Der Kerngedanke: die Erwählung
Die folgenden ersten Ausführungen sollen einer knappen Einführung in das calvinistische theologische Verständnis dienen und einen Überblick über die Hauptgedankengänge geben.
Dreh- und Angelpunkt der Logik des Calvinismus ist der Gedanke, dass Gott vor Erschaffung der Welt und der Menschen einen Auswahlbeschluss getroffen habe, nämlich, dass er einem Teil der künftigen Menschheit das Heil, die Wiedergeburt und das ewige Leben zukommen lassen will, dies aber dem anderen Teil der Menschheit verweigern wird, sodass diese Menschen nie zum Heil kommen können, um gerettet zu werden und unweigerlich dem Weg zur Hölle ausgeliefert sind. Dieser Beschluss ist der grundlegende Gedanke sowohl der einfachen wie auch der doppelten Prädestinationslehre und wird als Erwählung bezeichnet.
Benedikt Peters drückt diesen Gedanken aus, indem er schreibt: "Gott wählte aus der Masse der Nachfahren Adams jene aus, die der Gegenstand Seines Wohlgefallens sein sollten. Das bedeutet, dass nicht alle Gegenstand Seiner auswählenden Gnade sein würden, sein könnten." (2003, o. S.).
Manche Menschen sind zum Heil und zum Himmel vorherbestimmt, andere wiederum werden aktiv, durch einen konkreten Entschluss zur Verdammnis bestimmt (doppelte Prädestinationslehre), oder im passiven Sinn ihrem Weg zur Hölle überlassen (einfache Prädestinationslehre). Der Calvinist Boettner äußert sich dazu in voller Konsequenz: "Die Lehre der absoluten Prädestination beinhaltet logischerweise, dass einige zum Tod vorherbestimmt sind, genauso wahrhaftig, wie andere zum Leben vorherbestimmt sind. Genau die Begriffe 'erwählt' und 'Erwählung' beinhalten auch die Begriffe 'nicht-erwählt' und 'Verwerfung'. Wenn einige auserwählt sind, sind andere als nicht erwählt ausgelassen." (1992, S. 104).
Da es dem betroffenen Menschen, der nicht zum Heil vorbestimmt ist, in letzter Konsequenz gleichgültig sein kann, ob er aktiv zur Hölle bestimmt wurde oder "nur" passiv mit dem Heil übergangen wird und auch dadurch nicht zur Bekehrung und zum Heil kommen kann, ist zwischen beiden Facetten, d.h. der einfachen bzw. doppelten Prädestinationslehre, kein substantieller Unterschied und bedarf keiner weiteren Erörterung.
Der Grundgedanke dieser Auffassung ist somit ein göttlicher Selektionsbeschluss, die Menschheit in zwei Teile zu trennen. Dem einen Teil wird das Heil, die Gnade, die Wiedergeburt und das ewige Leben gewährt, während es dem anderen Teil nicht zukommen wird. John MacArthur, ein führender calvinistischer Apologet, drückt dies wie folgt aus: "Der höchste Ausdruck der Liebe Gottes zur sündigen Menschheit ist darin zu sehen, dass Gott vor Grundlegung der Welt seine Liebe auf bestimmte unwürdige Sünder richtet und sie zum Heil erwählt" (2003b, S.117). MacArthur drückt sich hier deutlich aus: die Liebe Gottes, die Sünder erlösen und retten will, richtet sich nicht auf alle Menschen in gleicher Weise, sondern ist nur auf "bestimmte unwürdige Sünder" gerichtet. Jeder Mensch kommt somit mit einer von Gott vorweltlich festgelegten Bestimmung zur Welt: entweder gehört er der Gruppe der Erwählten an, oder er ist nicht Gegenstand der rettenden Gnade und Liebe Gottes und geht seinem ewigen Schicksal in der Verdammnis entgegen, da er nie zum Heil kommen kann, denn dies ist nur den Erwählten möglich.
MacArthur führt dabei Gedanken fort, die insbesondere von Johannes Calvin entwickelt wurden. Dieser schreibt: "diese [Anm.: die Erwählung] verherrlicht Gottes Gnade durch die Ungleichheit, dass er ja nicht alle Menschen zur Hoffnung auf die Seligkeit als Kinder annimmt, sondern den einen schenkt, was er den anderen verweigert" (Institutio, 3. Buch, Kap. 21). Über viele Seiten hinweg argumentiert Calvin in seiner Hauptschrift, der "Institutio", dass Gott aufgrund eines vorweltlichen Beschlusses bereits festgelegt habe, seine Geschöpfe, die noch geboren werden, in zwei Teile zu teilen, und dem einen Teil Gnade und Erlösung, dem anderen Teil Ungnade und Verdammnis zukommen zu lassen: "Hiermit ist nun zwar bereits vollauf klar geworden, dass Gott nach seinem verborgenen Ratschluss frei erwählt, welche er will, und dass er die anderen verwirft" (Institutio, 3. Buch, Kap. 21).
Die Erwählungslehre Calvins bedingt also eine Ungleichbehandlung Gottes in Bezug auf das Heil der Menschen, bevor diese geboren werden. Dieser Aspekt ist die Grundlage aller weiteren darauf aufbauenden Gedanken und ist für das Verständnis der Systematik des Calvinismus von entscheidender Bedeutung.
Die Entscheidung vor Grundlegung der Welt
Die Dordrechter Lehrregel, die als eindrückliches Dokument aus dem Jahre 1619 der reformierten Kirche der Niederlande und deren calvinistischem Denken gesehen werden kann, zeigt die Übernahme der Lehren Calvins. Im dortigen siebten Artikel wird deutlich, dass die Erwählung von Menschen zur Seligkeit als Beschluss verstanden wird, der vor Grundlegung bzw. Erschaffung der Welt erfolgt ist: "Diese Erwählung ist ein unveränderlicher Vorsatz Gottes, durch den er vor der Grundlegung der Welt aus dem gesamten Menschengeschlecht, das aus der ursprünglichen Gerechtigkeit durch eigene Schuld in Sünde und Verderben gefallen war, eine bestimmte Menge von Menschen, die weder besser noch würdiger als andere sind, sondern mit ihnen in demselben Elend verkehren, aus lauter Gnade zur Seligkeit auserwählt hat [...]".
Jeder Mensch kommt demnach mit einem unabänderlichen und festgelegten Schicksal auf die Welt und steuert unabdingbar als Erwählter auf die ewige Seligkeit, als Nicht-Erwählter auf das ewige Gericht zu – je nachdem, wie sich Gott vorweltlich dazu entschlossen habe, dem Einzelnen das Heil zu gewähren oder es zu unterlassen.
Mit anderen Worten bedeutet dies, dass einerseits eine gewisse Anzahl von Menschen vorweltlich zum ewigen Leben prädestiniert – d.h. vorherbestimmt – ist und andererseits eine gewisse Anzahl von Menschen nicht gerettet werden können. Man nennt dies die „Prädestinationslehre“. In diesem Zusammenhang wird zur Verteidigung gegen Kritiker oft die Souveränität Gottes betont: Gott könne, da er völlig souverän und frei ist, so entscheiden und handeln, wie er will. Das bedeutet auch, dass niemand Anklage gegen Gott erheben dürfe, wenn er Menschen vorweltlich für ihr späteres Schicksal bestimmt habe.
Das Werk Christi
Dieselbe Gedankenkette, die an der vorweltlichen Erwählung ansetzt, wird im Werk des Herrn Jesus fortgesetzt, nämlich, dass Christus das Heil nur für die vorweltlich Erwählten vollbracht habe, nicht für die gesamte Menschheit. Da Gott nicht die ganze Menschheit versöhnt habe, habe nicht jeder Mensch die Möglichkeit, errettet zu werden. Der Großteil der Menschen würde also vom Erlösungswerk Jesu ausgeklammert, und Christus hätte, als er am Kreuz sein Blut vergoss, nicht die Absicht gehabt, Rettung für alle Menschen zu vollbringen.
Das Wirken des Heiligen Geistes
Das letzte bedeutsame Glied in dieser Gedankenkette ist die Art und Weise der Wirkung des Heiligen Geistes. Dieser überführt nur die Erwählten, d.h., nur diejenigen Menschen, für die Christus das Erlösungswerk vollbracht hat. Nur ihnen eignet er das Heil zu. Dies geschehe so, dass es keinen Widerstand seitens der betroffenen Menschen geben wird, d. h. unwiderstehlich. Die einmal gefassten Vorsätze Gottes in Bezug auf das Heil könnten durch Menschen nicht beeinflusst werden. Die Wiedergeburt wird – nach calvinistischer Lehre – völlig ohne Widerstandsmöglichkeit des Menschen von Gott am Erwählten vollzogen. Gott beeinflusse den Menschen derart, dass er sich so entscheide, wie Gott es vorherbestimmt hatte. Es liegt also völlig in der Hand des Heiligen Geistes, an den Erwählten die Wiedergeburt zu vollziehen und die übrige Menschheit zu übergehen.
Die Konsequenzen
Sind diese Kernpunkte (vorweltliche Erwählung zum Heil, das allein auf die Auserwählten gerichtete Werk des Herrn Jesus am Kreuz und das begrenzte Wirken des Heiligen Geistes) von der Schrift her nicht zu belegen oder widersprechen diese Voraussetzungen Gottes Wort sogar, bricht das gesamte Gedankengebäude des Calvinismus in sich zusammen. Oder es kann von den jeweiligen Vertretern eine entsprechende Schriftauslegung gezeigt werden, die diese Sicht belegen. Um dieser Fragestellung nachkommen zu können, bedarf es einer genaueren Prüfung.
Der Fünf-Punkte-Calvinismus: "T-u-l-i-p"
Im angelsächsischen Raum werden die Hauptaussagen des Calvinismus oft in dem Akronym „TULIP zusammengefasst, das sich aus den fünf Anfangsbuchstaben folgender Begriffe zusammensetzt:
- Total Depravity (völlige Verderbtheit)
- Unconditional Election (bedingungslose Erwählung)
- Limited Atonement (begrenzte Sühnung)
- Irresistible Grace (unwiderstehliche Gnade)
- Perseverance of the Saints (Ausharren der Heiligen)
Die fünf Punkte des Calvinismus entstammen der Lehrregel von Dordrecht, Holland, aus dem Jahr 1619. Sie ist auch noch heute Grundlage der reformierten Staatskirchen. Die Gedanken Calvins haben auch in andere Glaubensbekenntnisse, wie dem Bekenntnis von Westminster aus dem Jahr 1647, Eingang gefunden.
Calvin selbst hatte seine Theologie nicht explizit in diesen fünf Punkten zusammengefasst, diese bilden jedoch seine Gedankengänge adäquat ab und lassen den geistigen Urheber leicht erkennen.
Manche Theologen plädierten auch dafür, diese fünf Punkte zu erweitern – etwa um die Säuglingstaufe, wie sie Calvin vertreten hat (vgl. Vance, 2002, S.144).
Von den Befürwortern des Calvinismus wird betont, dass die fünf Punkte fest auf der Grundlage von Gottes Wort basieren und "die Bibel eine Fülle von Material für jede dieser Lehren enthält" (Boettner, zitiert in: Vance, 2002, S.144). Diesen Anspruch gilt es anhand der Heiligen Schrift zu prüfen, indem jeder einzelne Punkt einer kritischen Untersuchung unterzogen wird.
1. Völlige Verderbtheit – (Total Depravity)
Die Sündhaftigkeit des Menschen und die Schlussfolgerung des Calvinismus
Der erste Punkt der TULIP-Lehre ist die völlige Verderbtheit des Menschen.
Im Westminster Bekenntnis (Art.6,2f) ist dazu zu lesen:
"Durch diese Sünde sind sie aus ihrer ursprünglichen Gerechtigkeit und
Gemeinschaft mit Gott gefallen und so Tote in Sünden geworden; gänzlich verdorben in allen Fähigkeiten und Teilen von Seele und Leib. Weil sie die Wurzel der ganzen Menschheit sind, wurde ihrer gesamten Nachkommenschaft, die von ihnen durch natürliche Zeugung abstammt, die Schuld dieser Sünde zugerechnet und derselbe Tod in Sünden und die verdorbene Natur auf sie übertragen."
Dieser Aussage wird jeder Christ zunächst selbstverständlich zustimmen. Die gesamte Menschheitsgeschichte beweist diese Sündhaftigkeit des Menschen: Mord, Krieg, Vergewaltigung, Unzucht, Ehebruch, Lüge, Betrug, Eifersucht, Abtreibung, Diebstahl, Pornographie und dergleichen mehr. Die empirischen Tatsachen der Geschichte belegen den biblischen Befund wie er etwa in Röm 5,12 zu finden ist: "Darum, gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod zu allen Menschen hingelangt ist, weil sie alle gesündigt haben."
Die Lehre der völligen Verderbtheit, wie sie der Calvinismus vertritt, geht jedoch darüber hinaus. Sie geht weiter als die biblische Lehre, dass jeder Mensch als Sünder auf die Welt kommt und von Adam an von einer sündigen Natur gekennzeichnet ist. Sie besagt, dass der Mensch durch die Sünde derart verderbt ist, dass er unfähig ist, an den im Evangelium verkündigten Christus zu glauben. Glauben kann er nur, wenn Gott ihm den Glauben schenkt.
Diese behauptete Unfähigkeit, der Verkündigung zu glauben, hat im Kern nichts damit zu tun, dass der Mensch sündig ist und der Erlösung bedarf. Arthur Pink äußert sich dazu wie folgt: "Der Sünder kann nicht aus sich heraus Buße tun und glauben" (1961, S. 149). An anderer Stelle schreibt er: "Die Unfähigkeit des natürlichen Menschen, zu Christus zu kommen, ist in der völligen Verderbtheit seines Willens begründet." (2002, S. 81).
Zunächst wird somit festgestellt, dass nicht alle Menschen, die das Evangelium hören, tatsächlich zu Christus kommen können. Daran setzt dann die Lehre von der unwiderstehlichen Gnade an, die allein den vorweltlich Erwählten mittels eines so genannten wirksamen Rufes (Effectual Call) den rettenden Glauben schenkt.
Das Westminster Bekenntnis drückt den Gedanken der totalen Verderbtheit wie folgt aus:
"Durch seinen Fall in den Stand der Sünde hat der Mensch alle mit seiner Erlösung
verbundene Fähigkeit verloren, das geistlich Gute zu wollen. Deshalb ist der natürliche, völlig von diesem Guten abgewandte, in Sünden tote Mensch unfähig, sich durch eigene Kraft selbst zu bekehren oder sich selbst darauf vorzubereiten." (Westminster Bekenntnis, Art. 9,2).
Benedikt Peters drückt sich ebenfalls in diesem Sinne aus, wenn er schreibt: "Die Arminianer vertreten die richtige Ansicht, dass der Mensch den Willen und die Fähigkeit hat, das Heil zu verwerfen, und dass er darum verdammt wird. Aus dieser richtigen Sicht folgern sie, der Mensch habe auch die Fähigkeit und die Willenskraft, das Heil zu wählen, und damit widersprechen sie Gottes Wort." (2003, o. S.)
Der Begriff "völlige Verderbtheit" ist somit insgesamt irreführend und müsste präziser als "völlige Unfähigkeit zu Buße, Bekehrung und Glauben" umschrieben werden. Diese behauptete Unfähigkeit betrifft jedoch nicht Menschen, die nie vom Heil in Christus erfahren haben. In diesem Fall ist es ja offensichtlich, dass es keine Reaktion gibt – die angenommene Unfähigkeit zur Umkehr wird vielmehr auf die Menschen bezogen, die das Evangelium hören.
Völlige Verderbtheit – eine biblische Lehre?
Wie wir gesehen haben, sollte die biblische Lehre der Sündhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen nicht dazu führen, sie mit dem ersten Punkt von TULIP gleichzusetzen.
Der Herr fordert seine Geschöpfe immer wieder auf, von ihren sündigen Wegen umzukehren, Buße zu tun und zu glauben: "Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15).
Der erste Punkt des Calvinismus bestreitet hingegen, dass Menschen dem grundsätzlich Folge leisten können – genau dem nämlich, wozu sie von Gott immer wieder aufgefordert werden: von ihrer Bosheit umzukehren, Buße zu tun und zu glauben. Der göttliche Befehl zur Buße ist an alle Menschen an allen Orten gerichtet, wie Apg 17,30 uns lehrt: "Nun hat zwar Gott über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen, jetzt aber gebietet er allen Menschen überall, Buße zu tun". Eine der Aufgaben des Heiligen Geistes ist es dabei, die Welt von ihrer Sünde zu überführen: "Und wenn jener kommt, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und vom Gericht" (Joh 16,8).
Zentraler Bestandteil des calvinistischen Systems ist die Lehre, dass kein Mensch in der Lage ist, umzukehren und an das Evangelium zu glauben; und das, obwohl es ihm im Evangelium klar befohlen wird und der Geist Gottes eben hierzu ausgesandt ist, ihn von Sünde zu überführen.
Vereinfacht ausgedrückt heißt dies: Wenn das Evangelium von nicht erwählten Menschen gehört und wahrgenommen wird (d.h. im so genannten „allgemeinen Ruf“, engl. „general call“), prallt es einfach ab. Dieser Teil der Menschheit hat dann also keine Möglichkeit zu Buße und Glauben. Nur die Erwählten können glauben.
Für das System des Calvinismus ist es von daher unbedingt notwendig, davon auszugehen, dass nicht alle Menschen glauben und Buße tun können, wenn sie das Evangelium hören, da Gott nach diesem Verständnis nicht will, dass tatsächlich alle Menschen auch dadurch gerettet werden, sondern dass er nur den vorweltlich Erwählten das Heil zukommen lassen will.
Befürworter des Calvinismus ziehen zur Begründung, dass der Mensch nicht auf das Evangelium reagieren kann, wenn dieser nicht als Erwählter unwiderstehlich den Glauben quasi übernatürlich eingepflanzt bekommt, anschauliche Analogien heran und setzen oft an Eph 2,1 an: "Auch euch, die ihr tot wart, durch eure Übertretungen und Sünden".
Der geistliche Tod, von dem Paulus hier spricht, wird auf den physischen Tod übertragen und man schlussfolgert, dass ein Toter nicht glauben könne.
Diesen Gedanken bringt Uwe Seidel, indem er folgende Aussage zitiert: "Der Mensch ist geistlich so tot, dass er auf das Evangelium weder positiv antworten will noch kann." (2004, S. 7).[1] In der Verkündigung des Wortes Gottes wird daher nicht das Ziel gesehen, Glauben und Buße bei allen Zuhörern hervorzurufen, da dies nur den Erwählten zukommt und nur auf diese Gruppe begrenzt ist. Gott will – nach dieser Sicht – nicht, dass alle Menschen glauben, da er das Heil vor Grundlegung der Welt eingegrenzt hat, somit muss davon ausgegangen werden, der Glaube ist nicht allen gleich zugänglich und möglich.
Oft wird die Auferweckung des Lazarus in Joh 11 dazu benutzt, um zu zeigen, dass ein Toter sich nicht selbst auferwecken könne. Ebenso wird das Bild der Wiedergeburt verwendet, um deutlich zu machen, dass niemand seine Geburt aus sich selbst heraus bewirken könne, sondern ein passives Objekt sei.
Bei all diesen Argumenten wird das Bild vom Tod bzw. von der Geburt überstrapaziert.
Wenn Paulus in Eph 2,1 vom geistlichen Tod spricht, ist es nicht seine Absicht, aufzuzeigen, dass der Mensch etwa unfähig sei, Gottes Heilshand zu ergreifen. Geistlicher Todeszustand bedeutet Getrenntsein von Gott. Leiblich Toten kann man keine Befehle erteilen und sie nicht zur Verantwortung ziehen. Geistlich Tote kann man sehr wohl zur Verantwortung ziehen. Man kann sie auch zur Umkehr aufrufen und sie anflehen, sich retten zu lassen (Apg 2,40). Man kann auch solche, die sich im geistlichen Todesschlaf befinden, aufrufen, wach zu werden (Eph 5,14). Ungläubige Menschen, d.h. geistlich Tote, können bestimmte Überzeugungen haben, Entscheidungen fällen, Meinungen vertreten. Aber dass sie gerade nicht an Christus glauben, obwohl Gott alle ungläubigen Menschen, d.h. geistlich Tote, zur Buße und Umkehr ruft (Apg 17,30), ist nicht der von Paulus beabsichtigte Sinn, wenn er Ungläubige als geistlich tot beschreibt.
Jean Gibson et al. meint dazu: "Wenn Gott sagt 'der Sünde Sold ist der Tod' (Röm 2,23), und dass das ewige Gericht im Feuersee 'der zweite Tod' (Offb 20,14) ist, spricht er nicht von einer fehlenden Verantwortlichkeit, sondern von Trennung. Geistlich tote Männer und Frauen, sind trotzdem verantwortlich, Gott Antwort zu geben." (1992, S. 3).
Wenn Johannes von der Wiedergeburt spricht, betont er das Handeln Gottes am Gläubigen. Zunächst heißt es in Joh 1,12: "Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben." Die Wiedergeburt erfährt der Mensch dann, wenn er Christus annimmt. Calvinisten kehren den Gedankenverlauf in Joh 1 um und meinen, wer durch Gottes Souveränität zunächst als Erwählter wiedergeboren wird, glaubt in Folge dann auch an Christus. Viele argumentieren, dass die Entscheidung für Christus, Ausdruck der bereits erfolgten Wiedergeburt sei und widersprechen damit dem Gedankenverlauf in Joh 1.
Warum ist die Lehre der völligen Verderbtheit für Calvinisten so plausibel? Vance gibt darauf eine interessante Antwort: "Also, in der Erkenntnis, dass die meisten orthodoxen Christen an die Verderbtheit des Menschen glauben, wie es in der Bibel gelehrt wird, verwendet der Calvinist die Lehre von der Verderbtheit des Menschen, um seine Lehre von der Totalen Verderbtheit orthodox erscheinen zu lassen. Indem er auf die menschliche Verderbtheit konzentriert anstatt auf vermeintliche Schlussfolgerungen daraus, bekommt der Calvinist unmerklich Anhänger für seine Position. Der nächste Schritt ist, jeden davon zu überzeugen, dass der Calvinist allein ein Monopol für den Glauben an die Sündhaftigkeit des Menschen hat. [...] Calvinisten bestehen weiterhin drauf, dass dann – wenn jemand ihre Lehre der Totalen Verderbtheit bestreitet – Sünde und der Sündenfall des Menschen nicht sehr ernst genommen werden, der Mensch nicht sündig ist, und man letztendlich an eine Art Erlösung durch Werke glauben müsse" (2002, S.191).
Konsequenzen aus der Lehre der völligen Verderbtheit
Dave Hunt weist auf weitere Folgen hin, die die Lehre des Calvinismus von der völligen Verderbtheit nach sich zieht: "Traurigerweise führt die Annahme dieser Theorie zu einer Konsequenz, die noch unbiblischer ist und im Widerspruch zum eigentlichen Gefühl des Mitleides Gottes steht. Dieses richtet sich auch auf unwiedergeborene Menschen. Gott könnte also die ganze Menschheit retten, aber er würde bewusst der Masse das Heil vorenthalten, das er seinen Erwählten gibt. Natürlich könnte Gott das, was er für die Erwählten tut (die ja von Natur aus genauso völlig verdorben sind), auch für alle tun, wenn er es nur wollte." (2003, S. 122).
Dave Hunt macht auf die Konsequenz aufmerksam, die sich daraus ergibt, wenn Gott alle Menschen tatsächlich retten könnte (wie er es bei den Erwählten auch unweigerlich tut), er aber andererseits nicht dazu bereit wäre. Das erinnert uns an Jak 4.17, wo es heißt: „Wer nun Gutes zu tun weiß und es nicht tut, für den ist es Sünde.“
Offensichtlich ist es jedoch vielmehr so, dass ein allmächtiger Gott sich Dinge vorgenommen hat, die er nicht tun kann oder will, wie etwa lügen, sich selbst widersprechen, sündigen etc. Ebenso kann, will und wird Gott niemanden retten, der nicht an seinen Sohn und das vollbrachte Werk am Kreuz glauben will.
Gott hat jedoch nicht eine vorweltlich begrenzte Zahl im Auge, denen er das Heil und den Glauben selektiv eingibt, da geschrieben steht: "denn solches ist gut und angenehm vor Gott, unserem Retter, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen" (1Tim 2,3f). Indem im Calvinismus die rettende Liebe Gottes nicht allen Menschen in gleicher Weise zuteil wird, sieht man sich der Frage ausgeliefert, ob dies wirklich den "Gott aller Gnade" (2Pet 5,10) darstellt.
In Anbetracht der bisherigen Feststellungen, muss man die calvinistische Lehre der "völligen" Verderbtheit zurückweisen. Ja, man muss sogar vom Gegenteil ausgehen: die Tatsache der menschlichen Verderbtheit und Heilsbedürftigkeit, die im Evangelium, wenn es verkündigt wird, durch die Wirkung des Heiligen Geistes dem Menschen deutlich wird, ist Grund und Ursache, weswegen jeder Mensch im Glauben zum Heil in Christus greifen und die Wiedergeburt erfahren darf und kann. Die Verderbtheit und Sündhaftigkeit, von der ein Mensch im Evangelium erfährt und vom Heiligen Geist überführt wird, ist daher nicht der Grund, warum ein Mensch nicht glauben könnte, sondern die Voraussetzung zu Buße und Bekehrung.
Es ist ein Fehlschluss menschlicher Logik und in sich widersprüchlich, zu unterstellen, dass das, was Gott dem sündigen Menschen eindeutig und immer wieder befiehlt, eigentlich unmöglich wäre. Die Tatsache der menschlichen Sündhaftigkeit ist dafür kein Beleg.
Als Christ sollte man sich nicht vorwerfen lassen, man glaube nicht an die völlige Sündhaftigkeit des Menschen, wenn man die Verantwortung jedes Menschen gegenüber dem Evangelium betont und davon ausgeht, dass Gott auch genau das meint, was er sagt und in seinem Wort zum Ausdruck bringt, nämlich, dass jedem Menschen Buße und Glauben zur Rettung tatsächlich befohlen ist, wie dies auch Paulus dem Kerkermeister verkündigt: "Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden? Sie aber sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du gerettet werden, du und dein Haus!" (Apg 16,30f).
Auch das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld (Mt 13) lehrt uns, dass es die volle Verantwortung des Menschen ist, wie dieser mit dem ausgestreuten Samen des Wortes, nämlich dem Evangelium, umgeht, und dass es nicht an Gott liegt, der seine Gnade und die Möglichkeit zum Glauben beschränkt hat, sodass nur Auserwählte zum Glauben kommen können. Das steht im Gegensatz zu dem, was im Konzil von Dordrecht festgehalten wurde, nämlich, dass nur „Erwählte“ zum Glauben kommen können: "Dass Gott einigen in der Zeit den Glauben schenkt, anderen aber nicht, geht aus seinem ewigen Ratschluss hervor" (Art. 6).
Das Wort Gottes hingegen zielt darauf ab, überall dort lebensverändernde Ergebnisse des Glaubens, d.h. Frucht, hervorzubringen, wo es verkündigt wird. Dazu muss es jedoch auf guten Herzensboden fallen, ebenso wie der Same um Frucht zu bringen in gutes Erdreich fallen muss. Faktoren, die dieses Eindringen des Samens entweder verhindern oder begünstigen, sind im Herzen des Hörers zu suchen. Das Wort Gottes selbst, in seiner Absicht lebenspraktische Konsequenzen hervorzubringen, ist jedoch für jeden Menschen gleich relevant und zielgerichtet, sodass in der Verkündigung immer der Glaube und die Frucht beabsichtigt sind. Daher ist jeder Mensch in der Lage, auf das Wort Gottes positiv zu reagieren.
Die calvinistische Lehre des so genannten. „allgemeinen Rufes“ („general call“) auf die weiter unten eingegangen wird, widerspricht Gottes Wort, denn Ziel der Wortverkündigung ist per Calvinismus dann letztlich nicht der Glaube und die tatsächliche Buße jedes hörenden Menschen, da ja aufgrund der fehlenden göttlichen Erwählung viele der Hörenden nicht zum Glauben und zur Buße bestimmt sind.
Aber das ist nicht die Lehre der Heiligen Schrift. Gottes Wort nämlich zielt bei allen Zuhörern immer und ohne Ausnahme auf Buße und Glauben. Dass dies aus calvinistischer Sicht bestritten wird, bleibt noch darzustellen.
Heb 4,2 spricht etwa davon, dass das Wort ihnen deshalb nichts nützte, weil sie nicht erwählt waren, sondern weil sie es nicht im Glauben annahmen.
Heb 3,18f und 4,6 zeigt: Sie konnten nicht deshalb nicht eingehen, weil sie nicht erwählt waren, sondern weil sie im Unglauben verharrten, im Unglauben ungehorsam waren. D.h.: als das „Evangelium“ (4,3) ihnen verkündet wurde, zielte es darauf, eben diese Menschen (und keine anderen!) zum Glauben zu bringen. Dass sie nicht zum Glauben kamen, lag nicht in der Tatsache einer fehlenden Erwählung, sondern in ihrem ungläubigen Ungehorsam.
Eine selektive unwiderstehliche Glaubenszuweisung an eine vorweltlich begrenzte Gruppe findet sich in der Schrift nicht, sodass der Schriftbeweis dieser Lehre nicht erbracht werden kann.
Was lehrt die Heilige Schrift über Glauben?
Da im Calvinismus gelehrt wird, der Mensch könne nicht glauben, ohne dass Gott den Erwählten unwiderstehlich die Wiedergeburt und den Glauben schenkt, bietet es sich an dieser Stelle an, die Heilige Schrift zu diesem Thema zu untersuchen.
1) Der Glaube ergeht als Aufforderung bzw. Befehl an die Menschen:
- Mk1,15 „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“
- Mk 5,36 „Fürchte dich nicht; glaube nur!“
- Joh 12,36 „glaubt an das Licht!“
- Joh 14,1 „Glaubt an Gott und glaubt an mich!"
- Apg 16,31 „Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du gerettet werden, du und dein Haus!"
2) Glaube oder Unglaube ist eine Herzensangelegenheit des Menschen:
- Mk 11,23 „und in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt,“
- Mk 16,14 „und tadelte ihren Unglauben und die Härte ihres Herzens, dass sie denen, die ihn auferstanden gesehen hatten, nicht geglaubt hatten."
- Luk 24,25 „O ihr Unverständigen, wie ist doch euer Herz träge, zu glauben an alles, was die Propheten geredet haben!"
- Röm 10,9 "Denn wenn du mit deinem Mund Jesus als den Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.“
3) Durch Glauben erhält der Mensch Zugang zur Gnade Gottes:
- Röm 5,2 „durch den wir im Glauben auch Zugang erhalten haben zu dieser Gnade, in der wir stehen“
4) Glaube ist der Gegensatz zu Werken:
· Röm 4,5 „wer dagegen keine Werke verrichtet, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet."
5) Der Glaube ist mit der Person des Menschen verbunden:
- Mk 2,5 „Als aber Jesus ihren Glauben sah“
- Mk 5,34 „dein Glaube hat dich gerettet!“
- Lk 8,25 „Wo ist euer Glaube?“
Keine Stelle der Schrift lässt hingegen erkennen, dass der Glaube eine unwiderstehliche Gabe Gottes an eine begrenzte Zahl Auserwählter und zur Wiedergeburt bestimmter Menschen ist.
Auch die calvinistische Lehre, dass Gott zunächst souverän die Wiedergeburt an den Erwählten vollzieht und die Folge davon der Glaube und die Bekehrung ist (vgl. Hunt, 2003, S.443), findet sich in der Schrift nicht.
Thomas Schirrmacher, Vertreter der calvinistischen Sicht, hingegen meint: "Die augustinisch-calvinistische Position besagt, dass die Wiedergeburt der Bekehrung vorangeht. Der von Gott auserwählte Mensch wird von Gott wiedergeboren, indem der Geist Gottes ihm die Augen öffnet, wer Jesus Christus ist. Das erste Zeichen der Wiedergeburt ist, dass der Mensch Gott anruft und umkehrt." (2001, S. 443)
Die Schrift bezeugt hingegen, dass zunächst in der Predigt das Wort Gottes gehört wird, dann, wenn daran geglaubt und Christus angenommen wird, die Wiedergeburt erfolgt (Röm 10,17; Eph 1,13; Joh 1,12f).
Dass die Sündhaftigkeit des Menschen nicht bedeutet, dass ein Mensch, der das Evangelium hört, nicht daran glauben kann oder darf, betont Jean Gibson: "Die Schrift lässt an keiner Stelle erkennen, dass es irgendeinen Menschen gibt, der nicht glauben kann, weil Gott ihm die notwendigen Voraussetzungen versagt hätte" (2000, S. 50).
Alle Menschen – ob Christen oder nicht – haben Überzeugungen, treffen Entscheidungen, haben Inhalte, an die sie glauben und vertreten bestimmte Meinungen und können selbst sehr komplizierte Zusammenhänge verstehen. Die Heilige Schrift beschreibt den Menschen als Geschöpf Gottes, das mit eigenem Willen erschaffen wurde. Warum sollte dem Menschen jedoch gerade die wichtigste aller Entscheidungen, nämlich die im Hinblick auf das Heil in Christus, und die Möglichkeit an das Evangelium zu glauben von Gott selbst verwehrt sein? Für diese Argumente gibt es keinen Beweis aus der Heiligen Schrift. Arend Remmers äußert sich im Hinblick auf den menschlichen Glauben und meint: "Der Glaube ist notwendig. Er ist der einzige Weg zur Annahme des Wortes der Wahrheit, des Evangeliums unseres Heils. Paulus sagte dem Kerkermeister in Philippi: 'Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden' (Apg 16,31). Es ist so einfach. Man sagt oft: Ich kann nicht glauben, meint aber in Wirklichkeit: Ich will nicht glauben. Kein Mensch kann sagen: Ich kann nicht glauben. Wenn Gott will, dass alle Menschen errettet werden, kann der Mensch nicht sagen: Ich kann es nicht. Gott erwartet nichts Unmögliches von Seinen Geschöpfen." (2004, S. 34).
Mit W.J. Ouweneel ist an dieser Stelle abschließend festzuhalten:
"(Hyper-)Calvinisten können nicht wegargumentieren, dass Gott will, dass alle Menschen errettet werden (1Tim 2,4), während doch längst nicht alle Menschen tatsächlich errettet werden; dass der Herr Jerusalem retten wollte, während Jerusalem nicht wollte, und es daher auch nicht geschah (Luk 13,34); und dass die Errettung abhängig gemacht wird vom menschlichen Willen (Joh 7,17; Offb 22,17). Und keine Erörterung über Gottes Souveränität und den verdorbenen Willen des Menschen kann und darf dem Ernst der Verkündigung des Evangeliums die Kraft wegnehmen, die den Menschen einfach gebietet, das Evangelium anzunehmen, und dem unbußfertigen Menschen keine Entschuldigung lässt (Apg 17,30; vgl. Röm 1,5: ‘Glaubensgehorsam’)." (1994, S.3f).
2. Bedingungslose Erwählung (Unconditional Election)
Erwählung – die zentrale Grundannahme des Calvinismus
Der zweite Lehrpunkt des Fünf-Punkte-Calvinismus ist die bedingungslose Erwählung. Diese Auffassung stellt den zentralen Ansatzpunkt im calvinistischen Denken dar, obwohl dieser Ausdruck in der Heiligen Schrift nicht erwähnt wird. Er beschreibt die von Gott getroffene Erwählung eines Teiles der Menschheit zur Wiedergeburt. Die restliche Menschheit bleibt durch Gottes Willen ihrem Weg zur Verdammnis in der ewigen Hölle überlassen, ohne Aussicht auf eine Möglichkeit zur Errettung.
Dem Gedanken der Prädestination zum Heil ist die Idee der Erwählung vorgeschaltet. Nicht alle Menschen sollen Zugang zum Heil in Christus haben, sondern nur eine Auswahl, die im Beschluss der Erwählung festgelegt wird.
MacArthur behauptet: "Die Lehre von der göttlichen Erwählung wird ausdrücklich in der ganzen Schrift bestätigt" (1996, S. 157). MacArthur meint damit die calvinistische Sicht von Erwählung einiger Menschen zur Wiedergeburt.
Als "bedingungslos" wird die Erwählung deswegen bezeichnet, weil sie sich auf Gottes souveräne Gnadenwahl bezieht, eine Wahl, die nach calvinistischem Verständnis nicht vom persönlichen Glauben des Menschen abhängig ist. Welche Person Gott zum Heil auswählt, ist allein seine freie Entscheidung. Sie wird von keinem anderen Faktor beeinflusst und ist daher "bedingungslos".
Diesen Gedanken zitiert Uwe Seidel wie folgt: "Gott erwählte einzelne Menschen vor Schöpfung und Zeit, ohne dass diese Menschen irgendwelche Vorbedingungen zu erfüllen (gehabt) hätten. Er erwählte sie einfach, weil Er das will (weil er sie liebt)." (2004, S. 7). Gewöhnlich wird in diesem Gedankengang auf die Souveränität Gottes verwiesen, die der menschlichen Kritik nicht zugänglich ist, da Gott Entscheidungen treffen könne, wie es in seinem eigenen Sinn sei und vom Menschen dafür nicht getadelt werden dürfe.
Von Vertretern der "einfachen Prädestinationslehre" wird gewöhnlich nur auf den begünstigten Teil der Erwählung Bezug genommen und der Teil, der nicht erwählt wird, in der Darstellung oft ausgespart. Die Konsequenz der Verdammnis der nicht erwählten Menschen wird dabei oft übergangen. Calvin hingegen erörtert beide Teile der Menschheit, die von der göttlichen Bestimmung betroffen sind: "Unter Vorbestimmung verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge derer er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte! Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis zugeordnet." (Institutio, 3. Buch, Kap. 21)
Eine griffige Definition der bedingungslosen Erwählung im Sinne des Calvinismus findet auch in den Lehrsätzen von Dordrecht ihren Niederschlag: "Diese Erwählung ist ein unveränderlicher Vorsatz Gottes, durch den er vor der Grundlegung der Welt aus dem gesamten Menschengeschlecht, das aus der ursprünglichen Gerechtigkeit durch eigene Schuld in Sünde und Verderben gefallen war, eine bestimmte Menge von Menschen, die weder besser noch würdiger als andere sind, sondern mit ihnen in demselben Elend verkehren, aus lauter Gnade zur Seligkeit auserwählt hat – in Christus, den er auch von Ewigkeit her zum Mittler und Haupt aller Auserwählten und zu einem Fundament der Seligkeit gesetzt hat." (Art. 7)
Klar ausgedrückt und vertreten wird dieser Gedanke eines vorweltlichen göttlichen Ratschlusses der Erwählung zum Heil im Westminster Bekenntnis: "Durch Ratschluss Gottes sind zur Offenbarung seiner Ehre die einen Menschen und Engel vorherbestimmt zum ewigen Leben, die anderen verordnet zum ewigen Tod" (Art. 3,2).
Allen calvinistischen Autoren ist dieser Ausgangspunkt gemeinsam und das Beharren auf diesem Lehrpunkt kann als Zünglein an der Waage gedeutet werden, ob jemand zum theologischen Lager des Calvinismus gezählt werden kann oder nicht (vgl. Vance, 2002, S. 245). Wenn in diesem Kontext von den "Erwählten" die Rede ist, dann bezieht sich dieser Terminus auf Menschen, die vor Grundlegung der Welt zum Heil bestimmt und erwählt wurden.
Eine Attraktivität im Calvinismus ist darin zu suchen, dass man sich mit Annahme dieser Lehre der Erwählung dem von Gott bevorzugten Teiles der Menschheit zurechnen kann und Gegenstand der besonderen Liebe Gottes ist, die zur ewigen Rettung führt: "Er schenkt denen seine Liebe, die er dazu erwählt und zieht sie in seiner Liebe zu sich" (MacArthur, 2003b, S.151). Natürlich ist es menschlich verständlich, wenn man sich gerne als Objekt der besonderen Liebe Gottes sehen will.
Die Gegner dieser Lehre sehen sich mit dem Vorwurf der Werksgerechtigkeit konfrontiert: "Im Endeffekt ist es so, dass – wenn man die Erwählung verneint – man das Heil aus Gnade verneint. Die Erwählung zurückzuweisen bedeutet, das Heil aus Gnade zurückzuweisen und das Heil durch Werke zu vertreten" (Morton, zitiert in: Vance, 2002, S. 247). Auch Calvin greift die Gegner seiner Lehre von Erwählung und Vorherbestimmung einiger Menschen zum Heil scharf an, indem er schreibt: "Wer also die Lehre von der Vorherbestimmung mit übler Nachrede belastet, der treibt offene Gotteslästerung" (Institutio, 3. Buch, Kap. 21).
Der vorweltlich nicht von Gott erwählten Gruppe bleibt in Raum und Zeit die rettende Liebe und unwiderstehliche Gnade vorenthalten – genau das also, womit die Erwählten zum Heil gezogen werden. Hinsichtlich des Schicksals dieser Personengruppe drückt sich das Westminster Bekenntnis deutlich aus, wenn darin zu lesen ist: "Andere, die nicht erwählt sind, kommen, obwohl sie durch den Dienst des Wortes berufen werden und einige allgemeine Wirkungen des Geistes haben mögen, doch niemals wirklich zu Christus und können deswegen nicht gerettet werden." (Art. 10,3). Hierin ist von der allgemeinen Berufung bzw. vom allgemeinen Rufe im Evangelium zu lesen, auf den jedoch keine positive Reaktion der Zuhörer im Glauben möglich ist.
Alle Äußerungen von Calvinisten zum Thema Erwählung haben gemeinsam, dass diese auf eine souveräne göttliche, vor Grundlegung der Welt stattfindende Auswahl derer, die zum Heil kommen können bzw. sollen, gerichtet ist. Das ist in diesem Zusammenhang und im Hinblick auf die Prüfung anhand der Heiligen Schrift beachtlich.
Das Heil und die Erwählung werden also direkt miteinander in Verbindung gesetzt. Dass dies nicht im Einklang mit der Lehre der Heiligen Schrift steht, wird noch zu zeigen sein.
Vorherbestimmung und Vorherwissen in der Erwählung
Um die Souveränität Gottes im Allgemeinen auch in der Erwählung zum Heil im Besonderen hervorzuheben, betonen Calvinisten zunächst oft, dass alles, was auf unserem Planeten geschieht, durch Gott hervorgerufen und aktiv gewollt ist. Diese Gedanken gehen auf Calvin zurück, der im Kapitel "Keine Unterscheidung zwischen Gottes Willen und Gottes Zulassung" (Institutio, 3. Buch, Kap. 23) behauptet, dass Gottes Zulassung exakt dem entspricht, was er tatsächlich will.
Darunter wird konsequenterweise dann auch das Heil oder das Verderben gefasst, das ja von Gott vor Grundlegung der Welt vorherbestimmt wurde:
"In der Bibel gibt es, wie wir gesehen haben, unzählige Texte, die davon sprechen, dass Gott alle Ereignisse in der Ewigkeit plant und nicht nur das Gute, sondern auch das Böse nicht ohne seine Einwilligung geschehen kann, wie wir in den folgenden Abschnitten dieser Lektion ausführlich sehen werden. Dies bezieht sich dann auch auf das Heil, denn Gott begnadigt diejenigen, die er erwählt. Wenn es irgendwelche Voraussetzungen beim Menschen gäbe, die Gott nur im Voraus wissen müsste, würde es sich ja gar nicht um Gnade handeln." (Schirrmacher, 2001, S. 205)
Vorherbestimmung und Vorherwissen bzw. göttliche Vorsehung werden nach diesem Verständnis gewöhnlich als Einheit gesehen und, wenn die Schrift von Vorkenntnis spricht, dann bedeute dies eigentlich Vorherbestimmung, obwohl die Schrift jeweils unterschiedliche Begriffe verwendet.
Diese Gedankenführung setzt am Erwählungsbeschluss an, wonach der Glaube und die Wiedergeburt nur einer vordefinierten Personengruppe zugänglich und von Gott gewollt ist und das Heil der göttlichen Vorherbestimmung unterliegt. Gott greift bei den Erwählten aktiv ein und führt diese unwiderstehlich zum Heil, wobei er die restliche Menschheit ausspart und ihrem Weg zur Verdammnis überlässt. Daher muss eine göttlich-souveräne Aktivität in der Durchsetzung des gefassten Erwählungsbeschluss vorausgesetzt werden. Demnach weiß Gott nicht nur, wer glauben wird, sondern er hat diesen Glauben für die Erwählten vorherbestimmt.
1Pet 1,2 beschreibt die Christen als die, "die auserwählt sind gemäß der Vorsehung Gottes". Dazu kommentiert Calvin: "Wenn nun ebenso derselbe Petrus von den Gläubigen, an die er schreibt, sagt, sie seien 'nach der Vorkenntnis Gottes' erwählt (1Petr 1,2), so bringt er doch damit im eigentlichen Sinne jene verborgene Vorbestimmung zum Ausdruck, kraft derer Gott als Kinder bezeichnet hat, welche er wollte!" (Institutio, 3. Buch, Kap. 22).
Auch Benedikt Peters sieht in der Vorkenntnis Gottes in Bezug auf die Erwählung das, was Gott bereits vorher bestimmt hat und kombiniert beide Begriffe:
"Wir können mithin sagen: Gott erkennt etwas zuvor, weil Er dieses Geschehen zuvor verordnet hat. Oder: Gott erkennt eine Person zuvor, weil Er diese Person zuvor erwählt und zum Leben verordnet hat." ( 2003, o. S.). Nach calvinistischem Verständnis ist also der Grund für die Vorkenntnis die vorangehende Vorherbestimmung. Beide Begriffe werden wieder in ursächlichem Zusammenhang gesehen.
Somit kann es auch keine Erwählung nach ausschließlicher Vorkenntnis Gottes geben und die Sicht, dass der Glaube jedem Menschen zugänglich ist, entspräche nicht dem Willen Gottes, der dies sonst souverän bewirken würde.
Ebenso äußert sich John MacArthur zu 1Pet 1,2 und schreibt: "[...] bedeutet es [Anm: die Vorsehung bzw. Vorkenntnis] nicht das Wissen zukünftiger Ereignisse, sondern es bezeichnet eindeutig eine von Gott in seiner Erkenntnis vorherbestimmte Beziehung" (2002, S. 1861).
Eine Gleichsetzung beider Begriffe als übliche Argumentationslinie findet sich auch bei Arthur Pink: "Vorherwissen künftiger Ereignisse ist also auf Gottes Ratschlüssen aufgebaut. Wenn Gott alles vorher weiß, was sein wird, dann ist es deswegen, weil er in sich selbst vor aller Ewigkeit alles bestimmt hat, was sein wird." (1961, S.110)
Göttliche Vorherbestimmung – auch der Sünde
Im Calvinismus wird also ein Gottesbild entworfen, das einen allbestimmenden Souverän vorsieht, der im Weltgeschehen alles aktiv lenkt und vorherbestimmt.
Pink geht als Calvinist so weit zu schreiben, dass nicht nur das Heil göttlich vorherbestimmt sei, sondern auch Sünde: "Sein allwissendes Auge sah nicht nur Adam von der verbotenen Frucht essen, sondern er bestimmte zuvor, dass er dies tun sollte" (1961, S. 249). Ein anderer Calvinist äußert denselben Gedanken und meint: "Es ist sogar biblisch zu sagen, dass Gott Sünde vorherbestimmt hat. Wenn Sünde außerhalb des Planes Gottes wäre, dann würde keine einzige wichtige Angelegenheit des Lebens von Gott kontrolliert werden." (Palmer, zitiert in: Vance, 2002, S.255)
Diese Gedanken schließen sich an Calvin an, der im Kapitel "Gott hat auch den Sündenfall im Voraus bestimmt" schreibt: "Es ist zwar ein furchtbarer Ratschluss, das gebe ich zu; aber dennoch wird niemand leugnen können, dass Gott, bevor er den Menschen schuf, zuvor gewusst hat, welchen Ausgang er nehmen würde, und dass er dies eben darum vorauswusste, weil er es in seinem Ratschluss so bestimmt hat. [...] Es darf auch nicht widersinnig erscheinen, wenn ich behaupte: Gott hat den Fall des ersten Menschen nicht bloß vorhergesehen, sondern auch nach seinem Ratschluss angeordnet" (Institutio, 3. Buch, Kap. 23).
Aufgrund der einseitigen Betonung der absoluten Souveränität Gottes, der alles aktiv lenkt und bestimmt und bei dem kein Unterschied zwischen Vorkenntnis, göttlicher Zulassung und Vorbestimmung vorhanden sei, wird auch von göttlicher Vorbestimmung der Sünde im Calvinismus ausgegangen.
Dagegen beschreibt die Heilige Schrift Gott als völlig getrennt von Sünde und absolut heilig: "Deine Augen sind so rein, dass sie das Böse nicht ansehen können." (Hab 1,13). Jak 1,13 betont, dass Gott nie zu Sünde oder zu Bösem versucht werden kann und selbst auch nie zu Bösem reizt: "Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht auch niemand;"
Die Heilige Schrift kennt nur zwei Quellen von Sünde: Satan oder das menschliche Herz. Niemals kann Gott in ursächlichen Zusammenhang mit Sünde gebracht werden. So war es gerade nicht Gottes Wille, der etwa den Sündenfall vorherbestimmt habe, sondern satanischer Einfluss, der diesen und alle anderen Sünden der Menschheitsgeschichte bewirkt hat.
Calvinisten gehen – wie noch darzustellen sein wird – von konkurrierenden Arten von göttlichem Willen aus. Dies entspricht jedoch nicht dem biblischen Befund: Gott hat etwa nicht einerseits die Sünde Adams verboten, andererseits diese vorherbestimmt.
Böses und Sünde unterliegt somit nie Gottes ursächlicher Vorherbestimmung, sondern seiner Zulassung, die allein aufgrund seiner Vorkenntnis in seinen Plänen im Weltgeschehen Berücksichtigung findet. Die heilige Schrift beschreibt nun an vielen Stellen Gott als denjenigen, dem keine Sache in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unbekannt ist – spricht also von göttlichem Vorherwissen.
Vorherbestimmung und Vorherwissen müssen getrennt betrachtet werden. Nicht alles, was Gott im Voraus weiß, hat er auch vorherbestimmt – schon gar nicht die Sünde, wie Pink und andere meinen.
Die Tatsache des Wissens Gottes über diejenigen, die sein Heil in Christus annehmen werden, ist ebenso in seiner Vorkenntnis enthalten, wie etwa der Verrat des Judas und der Abfall vom Glauben in der Endzeit. Das gesamte Leben jedes Menschen liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor Gott. Kein Umstand, kein Gedanke unterliegt der Unkenntnis Gottes, ja er kennt sogar jedes Haar auf unserem Kopf (Mt 10,30).
„Die Allwissenheit Gottes sieht alles voraus, was in der Zukunft passieren wird. Sie zieht in Betracht, wie die Menschen sich entscheiden. In diesem Sinne ist es zu verstehen, dass jene auserwählt und vorherbestimmt sind und zum ewigen Leben glauben werden (Apg 13,48). Zur gleichen Zeit ist der Herr Jesus jedoch um diejenigen bekümmert, die nicht bereit waren zu glauben (Mt 23,37). Gott stellt allen Menschen den rettenden Glauben bereit (1Jo 2,2)." (Gibson, 2000, S. 50).
Erwählung und Vorherbestimmung – wozu und wer?
Dass sich Gott vorgenommen hat, den Glauben, das Heil, die Wiedergeburt und sein Erbarmen seiner selektiven Vorherbestimmung zu unterwerfen, steht in der Heiligen Schrift an keiner Stelle. Er hat sein Erbarmen nicht auf eine ausgewählte Gruppe gerichtet, sondern hat alle Menschen dabei im Blick: "Denn Gott hat alle miteinander in den Unglauben verschlossen, damit er sich über alle erbarme." (Röm 11,32).
Mit Menschen, die an Jesus Christus glauben, hat Gott bestimmte Vorhaben, wozu er sie (vorher)bestimmt hat. Gott wusste, wie und mit welchen Personen er seine Heilspläne durchführen und wer dazu auserwählt sein wird. Nach 1Pet 1,1ff entspricht die Erwählung der Gemeinde somit seinem Vorherwissen.
Nachdem Gottes Wort deutlich von Auserwählung spricht, gilt es zu erörtern, welcher Inhalt damit verbunden, welcher Personenkreis davon betroffen ist, und welchen Bezug es zur Vorherbestimmung gibt.
Folgende Stellen zeigen sowohl die Bezugsgruppe, als auch den Inhalt der Auserwählung Gottes:
- Erwählung der Jünger zum Fruchtbringen: Joh 15,16
- Bestimmung der Heiden, die glaubten, zum ewigen Leben: Apg 13,48
- Bestimmung derer, die glauben zum ewigen Leben: Röm 6,22f
- Vorherbestimmung der Berufenen zur Gleichförmigkeit mit dem Sohn Gottes: Röm 8,29
- Erwählung der Gemeinde zur Heiligkeit und Vorherbestimmung zur Sohnschaft: Eph 1,3f
- Vorherbestimmung der Gläubigen zum Preis seiner Herrlichkeit: Eph 1,11f
- Vorherbereitung der Werke der Gläubigen: Eph 2,10
- Bestimmung der Gläubigen zu Drangsalen: 1Thes 3,3
- Bestimmung der Gläubigen zum Heil – nicht zum Zorn: 1Thes 5,9
- Berufung durch das Evangelium und Erwählung der Brüder zur Errettung: 2Thes 2,13f
Die heilige Schrift bezieht Auserwählung und Vorherbestimmung auf wiedergeborene Gläubige und Gottes Pläne und Ziele mit ihnen. Bedingung dazu ist der persönliche Glaube an Jesus Christus. Das bedeutet jedoch nicht, dass Gläubige sich selber erwählen und vorherbestimmen können, da der Akteur Gott allein ist.
Sämtliche Beispiele zeigen den Zusammenhang zwischen den Vorstellungen Gottes für das individuelle Leben des Gläubigen und die menschliche Verantwortung gegenüber diesen Zielen. Die Verwendung von Erwählung und Vorherbestimmung bezieht sich daher ausschließlich auf gläubige Menschen und das Endziel Gottes mit ihrem Leben. Weder Vorherbestimmung noch Erwählung beziehen sich auf die Bekehrung oder Wiedergeburt einer bestimmten Schar von Menschen. Die Heilige Schrift spricht an keiner Stelle davon, dass Menschen, die nicht in Christus sind, Erwählte seien oder vorherbestimmt seien.
Das Urteil Gottes über Verdammnis oder Errettung wird nicht im Voraus (vor Grundlegung der Welt) festgelegt und unterliegt nicht der göttlichen Vorherbestimmung, sondern wird im persönlichen Leben des Menschen bzw. am Ende der Welt entschieden, wenn Gott am großen weißen Thron die Bücher aufschlägt und die Menschen verdammen wird, die zur Gnadenzeit dem Evangelium nicht geglaubt haben. Im Jüngsten Gericht wird es daher nicht Gott sein, der zum Menschen souverän sagen wird: "Ich habe dein Heil nie gewollt", sondern derjenige Mensch muss dies bekennen, der zu Buße und Umkehr nicht bereit war und das Heil Gottes abgelehnt hat.
An dieser Stelle muss nach Einsicht der einschlägigen Literatur des Calvinismus festgestellt werden, dass nirgendwo ein einziger Beleg aus der Heiligen Schrift erbracht wird, der eine vorweltliche Auswahl einiger Menschen zur Buße bzw. zum Heil in der Wiedergeburt belegen könnte. Keine einzige Stelle im Alten wie im Neuen Testament kann für diese Sicht herangezogen werden. Was Gottes Wort nicht lehrt, haben auch wir nicht zu lehren. Somit muss auch dieser zweite Lehrpunkt des Calvinismus abgewiesen werden.
3. BEGRENZTE SÜHNUNG (LIMITED ATONEMENT)
Die calvinistische Sicht über das Werk Christi am Kreuz
Der Begriff „Sühnung“ ist ein biblischer Ausdruck, aber der Begriff „begrenzte Sühnung“ nicht. Dieser dritte Punkt des so genannten „Fünf-Punkte-Calvinismus“ begrenzt das Erlösungswerk Jesu Christi in seiner Reichweite und in seinem Ausmaß. Gemeint ist damit, dass der Herr Jesus das Erlösungswerk nicht für alle Menschen vollbracht hat, sondern nur für die vorweltlich begrenzte Zahl der Erwählten. Daher ist es nicht möglich, dass jeder beliebige Mensch gerettet werden kann.
Uwe Seidel zitiert dazu: "Jesus versöhnte durch sein Sterben am Kreuz nur diejenigen mit Gott, die Gott auserwählt hat und die er dem Sohn gegeben hat. Nur für diese trug er die Sünden am Kreuz und ertrug die Strafe Gottes für sie." (2004, S. 8).
Nach dieser Logik argumentiert auch John MacArthur: "Die Mehrzahl der Menschen wird ewig verloren gehen und für ihre Sünden in der Hölle bezahlen, so dass Christus nicht für sie bezahlt haben kann" (2002, S.1890).
In der calvinistischen Welt finden sich Autoren, die zwar die Erwählungslehre vertreten, bei diesem dritten Punkt jedoch auf Schwierigkeiten stoßen und ihn daher ablehnen, da er zu viele Widersprüche zur Heiligen Schrift aufwirft; sie gehen daher von einer unbegrenzten Sühnung aus, wie sie die Bibel lehrt. Dies ist jedoch unerheblich, denn wer nicht zu den zum Heil bestimmten Menschen zählt, kann ohnehin nicht erlöst werden, auch dann nicht, wenn Christus für ihn gestorben ist und Sühne erwirkt hat.
Die Lehre von der begrenzten Sühnung ist eine Schlussfolgerung aus der calvinistischen Lehre von der bedingungslosen Erwählung.
Calvinistische Autoren sehen die begrenzte Sühnung als logische Konsequenz der Erwählung zum Heil, so schreibt Boettner: "Wenn Gott einige und nicht alle zum ewigen Leben erwählt hat, dann war es der eigentliche Zweck des Werkes Christi schlicht der, die Erwählten zu erlösen" (zitiert in: Vance, 2002, S.406).
Wer diese Lehre ablehnt und behauptet, Christus ist für alle Menschen gestorben und das Heil ist tatsächlich für jeden, dem es verkündigt wird, ausnahmslos zugänglich, wird gewöhnlich mit dem Vorwurf konfrontiert, er sei Arminianer und würde einen schwachen und ohnmächtigen Gott verkündigen, der das tatsächliche Heil nicht sicherstellen und seine Pläne nicht durchsetzen könne. Denn nach calvinistischer Lehre wird die begrenzte Sühnung für die Sünden unwiderstehlich den Erwählten zugeeignet und somit deren Heil sichergestellt.
Bernhard Kaiser vertritt diesen Gedanken, wenn er meint: "Wenn Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, aber seinen Willen gegen den sündigen Willen des Menschen nicht durchsetzen kann, dann ist er ein schwacher Gott, ein Gott, der nichts fertig bringt – im Grunde genommen überhaupt kein Gott. Also: Vorsicht, bei der Annahme eines universalen Heilswillens Gottes." (2005, S.5).
Der dieser Auffassung zu Grunde liegende Gedankengang ist folgender: Wenn es einen souveränen Gott gibt, der alles tut und durchsetzt, was er will, wird er alle Menschen retten. Da aber nicht alle Menschen gerettet werden, entspricht es folglich nicht dem Willen Gottes. Es existiert also kein "universaler Heilswille Gottes", d.h. Gott will nicht, dass alle Menschen gerettet werden.
Ein anderer Calvinist meint: "Wenn Christus für alle Menschen gestorben ist und nicht alle Menschen gerettet werden, hat das Kreuz keinen Effekt. Golgatha ist eine Schande" (Hanko, zitiert in: Hunt, 2004, S.297). Christus wäre – so der Vorwurf – in Bezug auf den Großteil der Menschen umsonst gestorben, und das sei undenkbar.
Christus hat nach diesem Verständnis nicht die ganze Welt mit Gott versöhnt, nicht die gesamte Menschheit; aber in der Heiligen Schrift werden alle Menschen der ganzen Welt zu Buße und Bekehrung aufgerufen. Um diese Aussagen in Einklang zu bringen, wird der Begriff „Welt“ nach calvinistischer Sicht uminterpretiert; z.B. sagt R.C. Sproul: "Die Welt, für die Christus gestorben ist, kann nicht die ganze Menschheitsfamilie meinen. Es muss sich auf die Allgemeinheit der Erwählten beziehen (Menschen aus allen Stämmen und Nationen)" (zitiert in: Hunt, 2004, S. 294).
In seinem Kommentar zu 2Kor 5,21, wo es heißt "weil nämlich Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte", äußert sich MacArthur ebenfalls in diesem Sinne, dass "Welt" nicht jeden einzelnen Menschen umfasst, sondern alle Arten von Menschen (vgl. 2002, S.1683) und an anderer Stelle schreibt er konkret: "Der tatsächliche Retter ist unser Herr Jesus nur für die Erwählten, für die er stellvertretend am Kreuz starb [...]" (2003b, S.207).
Den bekannten Vers in Joh 3,16 kommentiert der Calvinist Palmer im Hinblick auf die Bedeutung von "Welt" wie folgt: "In diesem Abschnitt bedeutet 'Welt' nicht jede einzelne Person, Verworfene gleich wie Erwählte, sondern die ganze Welt im Sinn von Menschen (Erwählte) aus jedem Stamm und Nation" (zitiert in: Hunt, 2004, S. 300).
Gebet für die einen – daher keine Erlösung für die anderen?
Von manchen Befürwortern der "begrenzten Sühnung" wird zudem vom hohepriesterlichen Gebet in Johannes 17, das der Herr ausschließlich im Hinblick auf die Seinen sprach, auf eine Beschränkung des Werkes am Kreuz gefolgert. Warum – so meint man – hätte Christus sein Gebet beschränken sollen, wenn er den Preis für alle bezahlt hat?
Zur Überprüfung dieser These auf Stichhaltigkeit und Durchgängigkeit ist sie folgender Passage aus Gottes Wort auszusetzen:
2Pet 2,1 „Es waren aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch falsche Lehrer sein werden, die verderbenbringende Parteiungen heimlich einführen werden, indem sie auch den Gebieter, der sie erkauft hat, verleugnen. Die ziehen sich selbst schnelles Verderben zu.“
Irrlehrer, denen das Verderben bevorsteht, gehören nicht zur Schar der Erlösten/ der Gemeinde Jesu. Dennoch hat sie der Herr und Gebieter teuer erkauft. Folglich war das Erlösungswerk des Herrn Jesus auch im Hinblick auf diese gottfeindlichen Menschen geschehen und für sie gültig.
Jesus Christus sagte, dass er sein Leben für seine Freunde lassen werde; daraus darf man nun nicht den Umkehrschluss ziehen und behaupten, er sei deshalb nicht für seine Feinde gestorben. Wenn der Herr uns lehrte, unsere Feinde zu lieben, sollte er es nicht getan haben? Als Christus damals für uns starb, starb er für seine Feinde, sagt der Apostel Paulus (Röm 5,10).
Die Irrlehrer gehen nicht auf Grund ihres Nichterwähltseins verloren, sondern aufgrund ihrer Zurückweisung der Gnade Gottes. Sie hätten gerettet werden können.
Jesus Christus selbst hat am Kreuz für diese Irrlehrer, die ihn ablehnten, ein teures Lösegeld bezahlt.
Im Opfer am Kreuz ist die Sühnung der Sünden der ganzen Welt vollbracht. Es wird aber nur für diejenigen wirksam, die Jesus Christus als Herrn und Heiland annehmen. Die Bibel lehrt keine Allversöhnung, sondern persönliche Verantwortung dem Evangelium gegenüber. Durch die Abweisung und Verleugnung dieses Gebieters, der auch sie liebt und nicht den Tod des Sünders will, ziehen sie sich jedoch selbst Verderben zu.
Wir sehen eine vergleichbare Schlussfolgerung in Mt 5,43: "Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen“.
Da nirgends eine Aufforderung Gottes zum Hass gegen die Feinde gefunden wird, sehen wir hier einen ähnlichen falschen Umkehrschluss wie im Calvinismus: Die Aussagen über die Erlösung und die Liebe Christi für die Seinen beinhalten genauso wenig eine Begrenzung der Versöhnung auf die Erwählten, wie die Aufforderung zur Nächstenliebe einen Hass gegen die Feinde impliziert.
Natürlich kennt die Heilige Schrift keine Allversöhnung, wonach letztendlich das Heil auch denen zugeteilt würde, die das Evangelium abweisen. Vielmehr starb Christus für alle, sodass alle kommen können und sollen.
Die Sünden vieler oder aller Menschen?
Hat Christus nach Mt 20,28; 26,28 und Heb 9,28 nur die Sünden "der vielen" (Griech.: polys im Plural) im Sinne einer begrenzten Sühnung getragen, so dass man davon ausgehen müsste, dass dabei Menschen von vornherein ausgenommen wurden, wie dies von Calvinisten, etwa von John Piper, gerne angeführt wird (vgl. Hunt, 2003, 304f)?
Der Frage, was "vieler" oder "die vielen" semantisch zum Ausdruck bringen soll, ist Dr. Harold Greenlee, Wycliff-Bibelübersetzer, auf den Grund gegangen. Er stellt die Möglichkeiten des griechischen Textes am Beispiel von Heb 9,28 Textes dazu dar:
"Was bedeutet pollon 'vieler'? Es bezeichnet Menschen allgemein im Gegensatz zu einzelnen oder wenigen und betont die Idee der Gesamtheit ohne anzugeben, ob alle oder weniger als alle gemeint sind. Es ist eine qualitative Referenz mit der Bedeutung 'alle', ein Bezug zum hebräischen 'alle', das von Jesaja 53,12 beeinflusst ist. Es stellt 'die vielen' dem einen Opfer Christi gegenüber: Die Sünden aller Menschen im Allgemeinen." (1998, S.358).
In der Verwendung von "die Sünden vieler" (Heb 9,28) ist somit kein hypothetischer Überrest im Blick, der nicht zur Gesamtheit gehören würde. Folgende weitere Verwendungen des Plurals von "polys" im Neuen Testament haben nicht eine einschränkende, sondern eine umfassende Bedeutung:
Röm 5,15ff „Denn wenn durch des einen Übertretung die vielen gestorben sind [...]Denn wie durch des einen Menschen Ungehorsam die vielen in die Stellung von Sündern versetzt worden sind.“
Die Parallelstelle 1Kor 15,22 „Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden.“ zeigt das ausnahmslose Vordringen des Todes zu allen Menschen. Röm 12,5 „... so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, einzeln aber Glieder voneinander.“ und 1Kor 10,17 „Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen, denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot.“ sprechen von der Gesamtsumme der Einzelglieder als ein Leib: Alle Glieder der Gemeinde – bilden den einen Leib Christi.
Ist die Erwähnung von "die Sünden vieler" in Jes 53,12 gleichbedeutend mit "einige/viele/die meisten Sünden aber nicht"? Vers 6 kennt diesen Rückschluss nicht: "wir gingen alle in die Irre [...] aber der Herr warf unser aller Sünden auf ihn." Die „vielen“, deren Sünden der Herr getragen hat, sind die „alle“, deren Sünden Jahwe auf den Knecht Jahwes – Jesus Christus – geworfen hat.
Die Stützung der Begrenzung des Erlösungswerkes des Herrn Jesus auf nur einige – im Vergleich zur großen Masse – einen sehr geringen Teil an Menschen, ist gerade nicht durch "die vielen" zu stützen.
Es besteht die Gefahr, in Gottes Wort Widersprüche zu sehen und "die vielen" und "alle" gegeneinander auszuspielen: Wenn es also an einer Stelle heißt, dass Christus die Sühnung der Sünden der ganzen Welt erwirkt hat, kann nicht an anderer Stelle gemeint sein, dass "alle" nicht gleich "alle" bedeutet, sondern "die meisten nicht".
Der Herr Jesus sagt selbst, dass die Schrift nicht gebrochen werden kann. Will man das Erlösungswerk Jesu Christi auf eine begrenzte Personengruppe von Erwählten einschränken, geht man über die Heilige Schrift weit hinaus. Dieses soll im Folgenden gezeigt werden.
Begrenzte Sühnung – eine biblische Lehre?
Calvinisten geben zu, dass Gott Christus am Kreuz alle Menschen hätte retten können, wenn Gott das gewollt hätte: "Das Kreuz könnte alle Menschen retten, wenn Gott dies nur beabsichtigt hätte." (Gunn, zitiert in: Vance, 2002, S.409).
Es ist jedoch nicht die fehlende Absicht Gottes, Menschen zu retten, sondern der Mensch selbst, der das vollbrachte Heil ablehnt. Die Sühnung für die Sünden aller Menschen ist vollbracht am Kreuz, sodass jeder Mensch gerettet werden kann: 1Joh 2,2 „Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“
Wenn alle Sünden aller Menschen auf Christus lagen, als er am Kreuz stellvertretend Gottes Zorngericht über alle Sünden erlitt, wenn Jesus ein vollkommenes und uneingeschränktes Opfer dargebracht hat, was folgt daraus?
Was ist die Konsequenz davon, dass Christus „für alle den Tod geschmeckt hat“ (Heb 2,9)?
– Ein Evangelium, das für alle Menschen gültig ist und daher an alle verkündigt werden soll!
1Joh 2,2 macht deutlich, dass Jesus Christus die Sühnung ist für die Sünden der Gläubigen und die der ganzen Welt. Aus diesem Grund gab der Herr den Jüngern den Auftrag: „So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker“ (Mt 28,19).
Die Zielgruppe der Verkündigung ist nicht ein begrenzter, erwählter Teil innerhalb der Völker. Gott hat alle Menschen, die über diese Erde gehen, im Blick. Entsprechend verkündigt Paulus auch in Athen, dass „er [Anm. Gott] jetzt den Menschen gebietet, dass sie alle überall Buße tun sollen“ (Apg 17,30).
Nun würden sich Vertreter der Lehre von der begrenzten Sühne in der Regel strikt dagegen wehren, wenn ihnen vorgehalten würde, sie würden lehren, dass man nicht allen Menschen das Evangelium verkünden sollte.
Die Notwendigkeit der allgemeinen Evangelisation wird von Calvinisten in der Tat stark betont. Wir sehen etwa bei Spurgeon und Whitefield, wie stark evangelistische Bemühungen bei Vertretern der Teilerlösung sein können. Aber die Motivation und die Begründung für dieses Bemühen liegt woanders: Das Ziel ihrer Evangelisation ist das Erreichen der Erwählen, nicht die Errettung aller Menschen.
Was lehrt die Bibel? Das Werk am Kreuz ist:
- Für alle Menschen (1Tim 2,6; Jes 53,6)
- Für jeden Menschen (Heb 2,9)
- Für die Welt (Joh 3,16)
- Zur Versöhnung der ganzen Welt (1Joh 2,2)
- Für die Gottlosen (Röm 5,6)
- Um alle zu erkaufen (d.h.: das Lösegeld zu bezahlen, 1Tim 2,6) – falsche Lehrer
eingeschlossen (2Pet 2,1)
- Für Israel (Joh 11,50f)
- Für die Gemeinde (Eph 5,25)
- Für ‘mich’ (Gal 2,20)
Die Behauptung, wonach Christus für irgendjemanden das Erlösungswerk nicht vollbracht hätte und somit für diesen Menschen keine Erlösung möglich wäre, kann aus keiner einzigen Bibelstelle abgeleitet werden. Daher muss sie als spekulativ abgewiesen werden.
Doppelte Bezahlung für Sünden – daher begrenzte Sühnung?
Befürworter der begrenzten Sühnung argumentieren, es stünde einem gerechten Gott nicht zu, Christus für alle Sünden bezahlen zu lassen und dann Menschen in der Hölle ein zweites Mal für ihre Sünden büßen zu lassen. Nicht einmal ein menschliches Gericht verurteile für eine Straftat zweimal.
Uwe Seidel zitiert wiederum: "Würde Jesus Christus auch effektiv die Strafe der Sünden derjenigen getragen haben, die nicht an Jesus glauben werden, so wäre die Schrift falsch oder/und Gott ungerecht, wenn er diese unerretteten Menschen ins ewige Gericht bringt: Gott hätte dann dieselbe Sünde zweimal gestraft und gerichtet: einmal an seinem Sohn, ein zweites Mal an den Ungläubigen in der Hölle. Auf dem Grundsatz, dass Gott nur einmal straft und Jesus Christus stellvertretend für sie im Gericht war, ruht aber die Heilssicherheit der Erlösten!" (2004, S.8).
Die Qualen der Ungläubigen in der Hölle stellen jedoch nicht die Bezahlung des von Gott geforderten Lösegeldes zur Vergebung der Sünden dar. Der Kaufpreis musste von dem sündlosen Opfer Jesu Christi gebracht werden und ist nicht gleichzusetzen mit der Folge von dessen Abweisung und der Verdammnis der Sünder im Feuersee. Selbst im ewigen Gericht ist eine Bezahlung für Sünden durch Sünder ausgeschlossen, da der Preis zu kostbar ist und nie mehr wiedergebracht werden kann: das Blut des unbefleckten Lammes – Jesus Christus!
„Niemals kann ein Mann seinen Bruder loskaufen, nicht kann er Gott sein Lösegeld geben, denn zu kostbar ist das Kaufgeld für ihre Seele, und er muss davon ablassen auf ewig, dass er fortlebe immer, die Grube nicht sehe.“ (Ps 49,8).
Mit dem Verständnis, dass Christus allein für die Sünden der Erwählten gestorben sei, wird das Werk des Herrn einer gewissen Bilanzierung unterzogen: "Als ob man dem Sühneopfer Christi einen bestimmten Wert zuordnet, der genau so groß ist wie die Gesamtsumme der Schuld aller Erwählten und somit diesen Wert ausgleicht. So wie wir die Sache sehen, lehrt die Bibel, dass das Blut Christi einen unendlichen Wert hat. Es war mehr als genug, um für die Sünden aller Menschen zu zahlen", schreibt James McCarthy in seinem Lehrroman "Fiat Lux" (2006, S.307).
Kein Mensch kann für sich oder andere Sünden den Preis der Erlösung bezahlen, auch in der Hölle nicht. An dieser Stelle ist mit Jean Gibson et al. abschließend festzuhalten: "Das Werk Christi am Kreuz war nicht auf den Nutzen einiger weniger beschränkt, sondern ist für alle zugänglich." (1992, S. 5).
4. Unwiderstehliche Gnade (Irresistible Grace)
Die Voraussetzungen
Der vierte zentrale Punkt des Calvinismus ist die Lehre von der unwiderstehlichen Gnade. Obwohl die Gnade in der Heiligen Schrift ein durchgängig verwendeter Begriff ist, wird dieser nie in Zusammenhang mit dem Begriff der Unwiderstehlichkeit verwendet. Ebenso ist Erlösung zwar ein biblischer Begriff ist, die Verbindung "begrenzte Erlösung" hingegen nicht.
Kein Christ wird bestreiten, dass Erlösung allein auf Gottes Gnade gegründet ist – ohne menschliches Zutun. Das Konzept der unwiderstehlichen Gnade hingegen reiht sich in seiner Logik in die anderen Punkte des Calvinismus ein: die calvinistische Lehre der völligen Verderbtheit (die im Grunde ja die Unfähigkeit bedeutet, an das verkündigte Evangelium glauben zu können), zieht es nach sich, dass Gott seine Gnade den Erwählten, für die sie ja ausschließlich bestimmt ist, gewährt und unwiderstehlich auf sie anwendet. Dies geschieht unter Umgehung der Verantwortung und Entscheidung des Menschen dem Evangelium gegenüber und stellt eine Art "Heilszwang" (d.h. Unwiderstehlichkeit) dar, da menschlicher Widerstand oder Ablehnung gegen das Wirken des Heiligen Geistes in seiner Darreichung der Gnade aus calvinistischer Sicht ausgeschlossen ist. Das einmal in der Erwählung beschlossene Heil wird sicher auf die Erwählten angewandt. Dazu bedient sich Gott des "wirksamen Rufes" (Effectual Call). Um die Anwendung als vom Menschen unabhängig zu definieren, wird dieses Verständnis von Gnade daher als unwiderstehlich bezeichnet.
Ebenso wie es das gesamte Konzept des Calvinismus zeigt, ist auch die unwiderstehliche Gnade selektiv, d.h. sie ist begrenzt auf die vorweltlich Auserwählten, für die Christus begrenzte Sühnung geleistet hat. Diese Art von Gnade ist somit nicht allen Menschen zugänglich.
Sollte man den Voraussetzungen, die der unwiderstehlichen Gnade vorangehen, nicht folgen, gerät auch dieses Konzept in Begründungsnot. Wenn nämlich das Heil tatsächlich an alle Menschen gleich gerichtet ist, und Buße, Bekehrung und Glauben von allen Menschen, denen das Evangelium verkündigt wird, (im Gegensatz zum Konzept der totalen Verderbtheit) erwartet werden kann, ist die Notwendigkeit, die Gnade unwiderstehlich an bestimmte Auserwählte selektiv anzuwenden, gegenstandslos. Wenn also die Voraussetzungen, auf denen dieser Lehrpunkt basiert, fraglich sind, sollte die Stichhaltigkeit der calvinistischen Argumentation an dieser Stelle ebenfalls genauer in Augenschein genommen werden.
Gnade in calvinistischer Darstellung
Der überzeugte Calvinist Arthur Pink äußert sich im Hinblick auf diesen Lehrpunkt und schreibt: "Durch das verborgene und vollmächtige Wirken des Heiligen Geistes führt der Vater jeden seiner Erwählten zu einer rettenden Erkenntnis Christi." (2002, S.89). An anderer Stelle nimmt er den Begriff der Unwiderstehlichkeit auf und betont: "Durch das unwiderstehliche Werk der Gnade wendet der Heilige Geist den Willen, der sich zuvor nur der Sünde und Eitelkeit zuwandte, und kehrt ihn zu Christus" (2002, S. 103).
John Piper meint im Hinblick auf diesen Lehrpunkt: "Ohne die Tatsache der unwiderstehlichen Gnade kann es kein Heil geben" (zitiert in: Hunt, 2002, S.362).
Im Westminster Bekenntnis wird deutlich, wie im Calvinismus die Zueignung der Gnade verstanden wird:
"Alle diejenigen, die Gott zum Leben vorherbestimmt hat, diese allein beruft er nach seinem Wohlgefallen zu seiner bestimmten und willkommenen Zeit wirksam durch sein Wort und seinen Geist aus dem Stand von Sünde und Tod, worin sie von Natur sind, zur Gnade und Erlösung durch Jesus Christus, indem er ihren Verstand erleuchtet, die göttlichen Dinge geistlich und zum Heil zu verstehen, ihr steinernes Herz wegnimmt und ihnen ein fleischernes Herz gibt, ihre Willensregungen erneuert und sie durch seine allmächtige Kraft zum Guten bestimmt und sie wirksam zu Jesus Christus zieht, doch so, dass sie ganz freiwillig kommen, im Willen geweckt durch seine Gnade. Diese wirksame Berufung stammt allein von Gottes freier und besonderer Gnade, ganz und gar nicht von irgend etwas, was im Menschen vorausgesehen war, der darin ganz passiv ist, bis er – durch den Heiligen Geist belebt und erneuert – dadurch befähigt ist, seiner Berufung zu folgen und die darin angebotene und vermittelte Gnade zu empfangen." (Art. 10,1f)
In diesem Bekenntnistext werden bereits entscheidende Kernelemente der Gnadenvorstellung im Calvinismus deutlich. Die Gnade Gottes ist nicht für alle Menschen in gleicher Weise zugänglich, sondern nur den zum ewigen Leben Erwählten. Sie allein sind die Empfänger der "besonderen Gnade". Diese allein werden wirksam – eine andere Formulierung, die die Unwiderstehlichkeit der Gnade zum Ausdruck bringt – im Evangelium gerufen, wobei deren Passivität dabei behauptet wird, da nach calvinistischer Vorstellung der Mensch sich nicht bekehren und Buße tun kann – also in einer aktiven Reaktion auf das Evangelium antwortet –, es sei denn, Gott gibt dem dazu vorgesehenen Menschen den Glauben ein. Calvinisten wählen für den Begriff der Unwiderstehlichkeit auch andere Begriffe, wie wirksame Gnade bzw. "Effectual Call".
Die Vorstellung, die in dieser Auffassung mitspielt ist, dass alles, was geschieht, aktiv von Gott bestimmt und durchgesetzt wird. Wie wir gesehen haben, gehen manche Calvinisten soweit, auch die Sünde unter die aktive Vorherbestimmung Gottes zu subsumieren, wo andere Autoren von der Zulassung Gottes sprechen würden. Im Fall der unwiderstehlichen Gnade setzt Gott seine Heilsabsichten, die er mit den Erwählten hat, unabdingbar, d.h. wirksam bzw. unwiderstehlich, durch. Von dem Gedanken ausgehend, argumentieren Calvinisten, dass Gott nicht tatsächlich alle Menschen retten will, denn wenn er das tatsächlich wollte, so würde er es auch aktiv durchsetzen.
In 1Tim 2,4 steht geschrieben "welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen". Pink, der davon ausgeht, dass der Gnade, wenn sie denn beabsichtigt ist, nicht widerstanden werden kann, äußert sich dazu und schreibt, dass dieser Vers "nicht lehrt, dass Gott das Heil der ganzen Menschheit will, sonst würde ja die ganze Menschheit gerettet." (1961, S.104).
John Piper leitet aus der Souveränität Gottes ab, dass dieser das durchsetzt, was er sich vorgenommen und beschlossen hat und bezieht die unabdingbare Durchsetzung auch auf den Empfang des Heils: "Gott ist souverän und kann allen Widerstand überwinden, wenn er will [...] Unwiderstehliche Gnade bezieht sich auf das souveräne Werk Gottes, den Widerstand unserer Herzen zu brechen und an Christus zu glauben, damit wir gerettet werden können" (zitiert in: Hunt, 2002, S.362).
Bereits an dieser Stelle stellt sich die Frage, warum ein Gott der Liebe, wenn er die Gnade an manchen unwiderstehlich durchsetzen und wirksam zueignen will und kann, er dies nicht an allen seinen Geschöpfen tut, sondern nur an denen, die er vorweltlich zum Heil erwählt hat?
Ist dieser Gedanke mit der biblischen Vorstellung, dass Gott die Liebe ist (1Joh 4,8), tatsächlich vereinbar?
Lehrt die Heilige Schrift die unwiderstehliche Gnade des Calvinismus?
Wird – durch die Voraussetzung des unmöglichen menschlichen Widerstandes gegen jedes Wirken des Heiligen Geistes – der Heiligen Schrift eine künstliche Sichtweise übergestülpt, die nicht aus der Bibel abgeleitet ist und diese uminterpretiert, oder lehrt sie tatsächlich unwiderstehliche Gnade, die zwangsläufig allen Widerstand und Unglauben souverän durchbricht?
Gott ruft seine Geschöpfe beständig zum Glauben und zur Buße auf, Christus weint über Israel, verzögert sein Gericht und sendet zur Warnung Propheten – und gießt schließlich seinen Zorn über sein Volk aus, als nicht auf sein Reden gehört wurde. Aber all die Zeit über ruft er ein Volk zur Umkehr, das nie umkehren kann, da Gott nicht seine unwiderstehliche Gnade gegeben hat.
Hinfort ist anhand der Bibel zu prüfen, ob Gott sein Heil zwanghaft, unwiderstehlich durchsetzt und das Gnadenverständnis des Calvinismus der Lehre der Bibel entspricht.
Kennt die Bibel bewussten und willentlichen Widerstand gegen Reden Gottes?
„Jerusalem, Jerusalem, das da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihm gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Brut unter die Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“ (Lk 13,34).
Gott will Jerusalem retten – sein Volk wollte nicht. Jesus weint einerseits über die Zurückweisung durch sein Volk, Gott verweigert jedoch andererseits durch das Zurückhalten der unwiderstehlichen Gnade dem jüdischen Volk die Buße. Gerade die willentliche Ablehnung seines Volkes jedoch veranlasst den Herrn zu tiefer Traurigkeit.
„Denn ich sage euch, dass nicht einer jener Männer, die eingeladen waren, mein Gastmahl schmecken wird." (Lk 14,24). Die Einladung ist erfolgt – die Gäste wollen nicht kommen, obwohl sie nochmals dazu aufgefordert worden sind. Spricht Gott tatsächlich ein Angebot zur Einladung an Menschen aus, denen er es nicht ermöglicht zu kommen?
“Ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist; wie eure Väter, so auch ihr“ (Apg 7,51).
Der Heilige Geist wirkt an den Vätern und bei den Zuhörern – sie widerstehen jedoch. Aus calvinistischer Sicht, ist dieser Widerstand durch das Fehlen der Gnade und der unwiderstehlichen Wirkung des Heiligen Geistes begründet.
"Ich habe euch für das Schwert bestimmt, und ihr alle werdet zur Abschlachtung in die Knie brechen, weil ich gerufen habe, ihr aber nicht geantwortet habt, weil ich geredet habe, ihr aber nicht gehört, sondern getan habt, was böse ist in meinen Augen, und das erwählt habt, woran ich kein Gefallen habe.“ (Jes 65,12)
Eine inakzeptable Inkonsequenz und Widersprüchlichkeit wäre die Zugrundelegung der These, dass Gott zu Buße ruft und zum abgefallenen Volk redet, diese jedoch zur Umkehr gar nicht im Stande sind, da Gott dies nicht unwiderstehlich bewirken will und er das Volk dann trotz dieser Unmöglichkeit der Buße richten wird.
Kann Gottes Ratschluss verworfen werden?
Lukas 7,30 zeigt die menschliche Verantwortung gegenüber Gottes Ratschlüssen, indem diese durch Unglauben abgewiesen werden: „die Pharisäer aber und die Gesetzesgelehrten haben den Ratschluss Gottes für sich selbst wirkungslos gemacht, indem sie sich nicht von ihm taufen ließen.“
Der Wille Gottes selbst für die Pharisäer war die Bußtaufe des Johannes. Die Antwort des Calvinismus, warum dieser Ratschluss nicht unwiderstehlich durchgesetzt wurde, steht jedoch aus. Im Gegensatz zur Sicht des unmöglichen Widerstandes, fordert Gott deutlich auf, sich seinem Wirken und Ratschlüssen nicht zu versperren: Heb 3,7 "Deshalb, wie der Heilige Geist spricht: «Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht.
Gottes Wort führt klar und deutlich menschliche Rebellion, Widerstand und Zurückweisung von Gottes erklärtem Willen und gegen sein Wirken an. Von der Unwiderstehlichkeit bzw. Zwanghaftigkeit des Wirkens des Heiligen Geistes kann daher keine Rede sein.
Ungläubige, die im Ungehorsam bleiben wollen, obwohl Gott sie zu Jesus ruft, stellen sich dem Wirken des Geistes bewusst und willentlich entgegen, widersetzen, verhärten und verstocken sich.
Jesus verkündigt den Menschen Gottes Rettung, aber manche Menschen wollen nicht kommen, um ewiges Leben zu haben: "und ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt“ (Joh 5,40).
Sogar Gläubige, die mit Gottes Geist versiegelt sind, belügen (wie Hannanias), betrüben und dämpfen den Geist, wenn sie eigene Wege des Ungehorsams gehen. Von zwanghaftem Wirken des Heiligen Geistes spricht Gottes Wort daher keineswegs.
Gottes Wirken durch den Heiligen Geist
Christus soll durch den Geist Gottes verherrlicht werden: Joh 16,4 „er wird mich verherrlichen“. Der Heilige Geist wirkt durch die Gemeinde bzw. Braut des Lammes, indem an alle, die wollen der Ruf zum Glauben an Jesus Christus ergeht: Offb 22,17 "Und der Geist und die Braut sagen: Komm! Und wer es hört, spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme! Wer da will, nehme das Wasser des Lebens umsonst!“
Er überführt Menschen ihrer Sünden und weist auf den Heiland Jesus Christus hin, wie etwa Lydia in Apg 16,40.
Jesus Christus kam, um jeden Menschen der Welt zu erleuchten und zu sich zu ziehen: Joh 1,9 „Das war das wahrhaftige Licht, das, in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtet.“
bzw. Joh 12,32 „Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“
Ebenso ist die Zielgruppe des Heiligen Geistes ausdrücklich nicht eine begrenzte Zahl angeblich Auserwählter, sondern die ungläubige Welt als Ganzes: Joh 16,8 „Und wenn er gekommen ist, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht. Von Sünde, weil sie nicht an mich glauben.“
Verstockung – Gottes Antwort auf den Widerstand gegen sein Reden
Die Verstockung die Gott selbst schließlich im menschlichen Herzen hervorruft, ist dessen Reaktion auf die Ablehnung seines Redens aufgrund menschlicher Rebellion. Pharao etwa hat sich erst mehrfach selbst gegen Gottes Reden gewandt und wurde erst dann von Gott selbst verstockt.
Um dem Problem zu entgehen, dass nicht alle Gottes Rufen gehorchen, wird im Calvinismus eine Zwei-Klassen-Welt vorausgesetzt, d.h. nur die auserwählten Ungläubigen werden gerufen und kommen/gehorchen dann auch – die anderen ruft Gott im eigentlichen Sinn gar nicht (siehe zwei Welten/Rufe-Lehre weiter unten).
Ergebnis
Die Lehre, wonach Gottes Geist unwiderstehlich und im eigentlichen Sinne ausschließlich an vorweltlich Auserwählten wirkt, ist zurückzuweisen, da Widersprüche zu Gottes Wort aufgetreten und eine entsprechende Schriftauslegung nicht gezeigt werden konnte. Das Konzept der unwiderstehlichen Gnade ist keine Lehre der Heiligen Schrift und muss daher abgewiesen werden: "Gott verfolgte schon bei Grundlegung der Welt den großartigen Plan, seine Liebe dem Menschen zuteil werden zu lassen; dies schließt aber jede Möglichkeit aus, dieses Geschenk einem seiner Geschöpfe aufzuzwingen. Sowohl die Liebe als auch ein Geschenk, gleich welcher Art, muss empfangen werden; Zwang würde beides pervertieren." (Hunt, 2001, S.6)
5. Ausharren der Heiligen (Perseverance of the Saints)
Eine orthodoxe Lehre?
Der letzte Punkt des Fünf-Punkte-Calvinismus erscheint vielen Christen zunächst orthodox zu sein. Wer Christ ist, bleibt dies bis zuletzt, da der Herr das angefangene Werk auch sicher zu Ende bringen wird. In keinerlei Weise hängt das Heil davon ab, dass wir dem Werk Christi eigenes Zutun hinzufügen müssten, um unser Heil bis zum Ende abzusichern, um sicher ans ewige Ziel zu kommen. Durch Glauben verstehen wir, dass der Herr unsere Sünden vergeben hat und wir aus Gnade eine ewige Erlösung haben dürfen. Als Christ darf man durch das vollbrachte Werk am Kreuz von völliger Gewissheit des Heils ausgehen. Wäre die Erlösung von irgendeiner Handlung unsererseits abhängig, könnte es keine Sicherheit des Heils geben.
In seiner Institutio vertritt Calvin die Auffassung, dass auch von Gott verworfene Menschen eine Art Scheinglauben haben könnten und warnt davor, sich davon täuschen zu lassen (vgl. 3. Buch, Kap. 24). Die Frage, die sich für Calvinisten daher stellt, ist, wie man wissen kann, dass man zu den Erwählten gehört, denn nur diese werden ewiges Leben erhalten. John Piper schreibt dazu: "Wir glauben an die ewige Sicherheit – die ewige Sicherheit der Erwählten." (zitiert in: Hunt, 2002, S.483).
Echter, rettender Glaube ist "eine übernatürliche Gabe Gottes" (MacArthur, 1997, S. 168) und dieser wird an bestimmten Merkmalen gemessen. Es müssen von Calvinisten Kriterien dafür gefunden werden, wie man sicher sein kann, dass man den echten, von Gott verliehenen rettenden Glauben unwiderstehlich empfangen hat und somit zum ewigen Leben vorherbestimmt wurde und nicht der Täuschung unterliegt man würde aus sich selbst heraus glauben, denn dieser Glaube könne nicht retten.
Der Calvinist Hodge schreibt dazu: "Der einzige Hinweis unserer Erwählung und dem Ausharren, ist die geduldige Fortführung im Gutestun." (zitiert in: Hunt, 2002, S.486). Der Calvinist Steele et al. kommentiert: "Es wird unzureichend Betonung auf die Forderung Gottes gelegt, dass wir bis zum Ende in einem Leben verharren müssen, das nach Heiligkeit strebt." (2004, S.148).
Calvin vertritt in einem Kapitel, worin er sich mit der Gewissheit der persönlichen Erwählung befasst, folgende Auffassung: "Und endlich lehrt uns die Erfahrung selbst genugsam, dass Berufung und Glaube wenig Wert haben, wenn nicht die Beharrung hinzukommt, die nicht allen zuteil wird." (Institutio, 3. Buch, 24. Kap.). Das Fortfahren in guten Werken unterscheidet somit die Erwählten von den Verworfenen.
Sierszyn meint: "Schließlich äußert sich die Erwählung zum Heil in der Kraft des Menschen, nach Gottes Geboten zu leben." (2000, Bd. 3, S. 242).
Arthur Pink beschäftigt sich in einem ganzen Buch mit der Frage "Was ist rettender Glaube" (2002) und warnt darin immer wieder diesen nicht mit falschem Glauben zu verwechseln.
Auf der Rückseite des Buches heißt es in der Beschreibung: "Arthur W. Pink hat die Bibel ausführlich studiert, um den wichtigsten Unterschied der Welt aufzuspüren: den Unterschied zwischen dem fatalen Irrtum, man sei gläubig, und wahrem rettenden Glauben."
Pink listet zahlreiche qualitative Kriterien auf, wie erkennbar sei, dass der von Gott an die Erwählten vergebene echte und rettende Glaube vorhanden sei, wie etwa: "Rettender Glaube geht stets mit einem gehorsamen Wandel einher." (S. 67).
Im Kapitel "Der Blick auf die guten Werke vermag den Glauben allerdings zu stärken" schreibt Calvin, dass die Heiligen durch den Vergleich ihrer guten Werke mit denen der Gottlosen "Siegeszuversicht" haben können und die Betrachtung der eigenen guten Werke "Zeugnisse dafür sind, dass Gott in uns wohnt und regiert". Diese guten Werke würden beweisen, "dass er uns den Geist der Kindschaft gegeben hat." und an den "Früchten der Berufung" ist zu "merken, dass sie von dem Herrn an Kindes Statt angenommen sind" (Institutio, 3. Buch, 14. Kap.).
Der Calvinist John MacArthur richtet an die Eigenschaft des von Gott an die Erwählten gegebenen Glaubens bestimmte Imperative, wie dieser als echt und rettend qualifiziert werden kann: "Rettender Glaube hält keine Privilegien zurück. Er hängt nicht an Lieblingssünden, nicht an gern gehegtem Besitz und nicht an heimlicher Selbstgefälligkeit" (1997, S.136).
In den vier ersten Punkten des Calvinismus liegt die Betonung auf der Souveränität Gottes. Im letzten Punkt hingegen treten die menschlichen Werke in den Vordergrund. An diesen muss erkennbar sein, ob der Einzelne sich zu den Erwählten rechnen kann. An der Tatsache des dauerhaften Ausharrens in guten Werken ist abzuleiten, ob rettender Glaube von Gott gegeben wurde oder nicht, ob der Einzelne erwählt ist oder nicht.
Der Christ und das Heil
Der Blick des Christen hingegen, wenn dieser sich mit der Sicherheit des Heils beschäftigt, richtet sich auf das vollbrachte Erlösungswerk des Herrn Jesus. Ein Christ braucht daher seine ewige Errettung nicht an der Qualität seiner Werke abzuleiten oder sein Heil gar an der Bedingung des eigenen Ausharrens darin festzumachen: "Dies habe ich euch geschrieben, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt." (1Joh 5,13).
Die Gewissheit der Gotteskindschaft und des Heils erfährt der Christ durch das innere Zeugnis des Heiligen Geistes: "Der Geist selbst gibt Zeugnis zusammen mit unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind." (Röm 8,16). Obwohl der Geist Gottes natürlich Werke des Glaubens und Frucht in unserem Leben hervorbringt, sehen Christen in der Frage der Sicherheit des Heils nicht auf eigene Handlungen oder Werke, sondern auf das vollkommene Heil, das Jesus Christus am Kreuz vollbracht hat und das in der Wiedergeburt geschenkt wurde. Als Calvinist orientiert man sich hingegen in der Frage, ob denn rettender Glaube gegeben wurde und Erwählung zum Heil vorhanden sei, am Kriterium des Ausharrens und Fortfahrens in eigenen guten Werken. Die Reklamation guter Werke als Hinweis der Erwählung kann auch eine vermeintliche Sicherheit geben, da z.T. auch bei Menschen, die keine Christen sind, auf hohe moralische Standards in der Lebensführung geachtet wird.
Dave Hunt meint zu diesem Lehrpunkt: "Zudem kann der Erwählte nicht verloren gehen. Diese Lehre wird jedoch 'Beharrlichkeit der Heiligen' genannt und nicht 'Beharrlichkeit Gottes' und kann nur für die gewiss sein, die immer gute Werke tun." (2003, o.S.)
Calvins Leben, Wirken und weitere Lehren
Calvins Leben
Johannes Calvin wird am 10. Juli 1509 in Noyon, Frankreich, geboren und gilt als Reformator der zweiten Generation. Calvins Vater bestimmt seinen Sohn zunächst für das Theologiestudium. 1521 erhält Calvin die erste Pfründe, d.h. Einkünfte aus einem kirchlichen Amt, worauf 1527 die zweite Pfründe folgt. Von 1528 an studiert Calvin Jura und erwirbt 1533 den Titel eines Doktors. Bereits 1529 begegnet ihm lutherische Literatur. In Paris wendet sich Calvin nach dem Tod des Vaters humanistischen Studien zu und verfasst 1532 einen Kommentar zu Senecas Schrift "De Clementia", dessen Verkauf jedoch die Druckkosten nicht decken kann. Aufgrund seiner Hinwendung zu reformatorischem Gedankengut muss Calvin verkleidet und unter einem Pseudonym aus Paris fliehen. Er verlässt 1534 Frankreich und siedelt sich im Januar 1535 in Basel an. 1536 veröffentlicht Calvin dort die erste Ausgabe der Institutio mit 519 Seiten, die er mehrfach erweitert und die 1559 ihre letzte und endgültige Fassung mit vier Büchern und 80 Kapiteln bekam. Das Vorwort der Institutio ist dem König von Frankreich gewidmet, der das Buch wohl selbst jedoch nicht liest.
Im Jahr 1536 beschwört ihn Farel unter Androhung des göttlichen Fluches während einer Durchreise in Genf, sich dort für das reformatorische Gedankengut einzusetzen und in der Stadt zu bleiben. Nicht lange zuvor ist es Farel gelungen, einen Ratsbeschluss zu erwirken, der Genf den reformatorischen Glauben verordnet. Der verordnete Bekenntniswechsel findet nicht aufgrund persönlicher Überzeugungen der einzelnen Bürger statt, sondern wird kollektiv durch gesetzliche Geltung für alle Einwohner beschlossen.
Calvin geht auf die Bitte Farels in Genf zu bleiben ein und beginnt mit 27 Jahren seine dortige Wirksamkeit. Dort schafft er eine neue kirchliche Ordnung und verfasst 1537 den Genfer Katechismus, der auf Kosten der Stadt gedruckt wird. Die ganze Stadt soll auf Calvins Katechismus vereidigt werden und durch Beschluss des Rates vom 29. Juli 1537 müssen die Bürger auf das Glaubensbekenntnis und die Kirchenordnung einen Eid leisten: "Im Laufe des Sommers werden aus allen Quartieren der Stadt immer neue Gruppen zum eidlichen Gelöbnis in die Peterskirche geführt" (Sierszyn, 2000, Bd. 3, S.247). Wer sich weigern sollte, den Schwur drauf zu leisten, muss Genf verlassen.
"Farel und Calvin hatten aber durch ihre unbeugsame Kirchenzucht den Widerstand der Bürgerschaft hervorgerufen, so dass beide bereits um Ostern 1538 aus Genf weichen mussten. Farel ging nach Neuchatel, wo er bis zu seinem Tode wirkte, Calvin kam nach Straßburg" (Geiser, 1971, S. 116). In Straßburg erscheint auch 1539 die zweite, erweiterte Auflage der Institutio, in der Calvin nun die doppelte Prädestination vertritt. Calvin wird in Straßburg von Bucer zur Betreuung der französischen Flüchtlingsgemeinde gewonnen. 1540 heiratet Calvin Idelette de Bure. 1541 wird das Verbannungsurteil gegen Calvin in Genf aufgehoben und er kehrt dorthin zurück.
1549 stirbt seine Frau. Im Jahre 1559 wird die Genfer Akademie gegründet, von wo aus sich die Lehren Calvins international verbreiten: "Durch die Akademie wurde Genf zum 'protestantischen Rom'." (Sierszyn, 2000, Bd. 3, S.260). Einer der dortigen Studenten ist Arminius, der später erbitterter Gegner der Lehren Calvins wird. Calvin bleibt bis zu seinem Tod am 27. Mai 1564 in Genf. Der Einfluss Calvins geht weit über Genf und die Schweiz hinaus: in Frankreich, Westdeutschland, England, Holland, Polen, Ungarn und Amerika werden Kirchen nach den Lehren Calvins gegründet.
Das Evangelium in Genf vor Calvin
Durch Anton Froment, der 1532 eine Schule eröffnete, wurde in Genf vor dem Auftreten Calvins das Evangelium verkündigt und etliche vornehme Frauen, Kaufleute und Menschen aller Schichten bekehrten sich: "Durch Schriften und Neue Testamente, die Froment verteilte, fand das Wort Gottes mehr und mehr Eingang, und eine große Menge wurde gläubig." (Miller, 1983, Bd. 2, S. 472). Die Christen versammelten sich in Häusern zum Schriftstudium, zum Gebet und zum Brotbrechen. Die Zusammenkünfte wuchsen in Folge durch weitere Bekehrungen. "Es gab gefährlichen Aufruhr, Froment und andere wurden aus der Stadt vertrieben, aber die Zusammenkünfte wurden fortgesetzt." (Broadbent, 1991, S. 215). Froment predigte öffentlich am großen Fischmarkt in Genf und eine neue Bewegung entstand in der Stadt.
Robert Olivetan (1506-1538), ein Verwandter Calvins, arbeitete zu dieser Zeit an einer Übersetzung der Heiligen Schrift und predigte ebenfalls das Evangelium. Er war es auch, der Calvin zum Studium der Heiligen Schrift anregte (vgl. Miller, 1983, Bd. 2, S. 478).
Genf konnte sich von der römischen Herrschaft zwar befreien, doch bald entstand unter Calvin ein neues System, das auch die bestehenden Gemeinden betraf und keine Glaubens- und Gewissensfreiheit mehr duldete. Später mussten alle Einwohner Genfs dem Katechismus Calvins zustimmen oder die Stadt verlassen. Die Versammlungen, die nach neutestamentlichen Vorbild entstanden waren, gingen entweder in der späteren Kirche Calvins auf, oder die Christen, die mit den Lehren Calvins nicht übereinstimmten, etwa die Täufer, mussten Genf verlassen.
Calvins Wirken in Genf
Broadbent schreibt von Calvins Einfluss in Genf: "Durch mancherlei Kämpfe prägte er der Stadt sein Ideal von Staat und Kirche auf, das weitgehend nach alttestamentlichem Muster organisiert war. Der Stadtrat hatte absolute Gewalt in religiösen wie in bürgerlichen Angelegenheiten und wurde das Werkzeug von Calvins Willen" (1991, S. 216)
Calvin antwortet mit Sanktionen der Obrigkeit, die er für sich gewinnen konnte, auf Verstöße gegen die harten Sittengesetze, die er einführte und streng überwachen ließ. So waren bald das Tragen bestimmter Kleidungsstücke, bestimmte Haartrachten und die Taufe auf Namen, die in der Bibel nicht vorkamen, verboten. Die Teilnahme am Gottesdienst wurde verpflichtend und von Aufsehern überwacht. Die Pressezensur wurde eingeführt und theologisch verdächtige Bücher verboten. Dazu wurde die Folter als legitimes Mittel eingesetzt, um Geständnisse zu erpressen (vgl. Vance, 2002, S.84f). "Damit begann eine Epoche, die vielleicht einzig dasteht in der Kirchengeschichte, nämlich eine Zeit grausam strenger Kirchenzucht, die das ganze Volksleben unter die Herrschaft einer alttestamentlich-gesetzlichen, weltflüchtig-asketischen Frömmigkeit zwang. So vermochte Calvin sein Ideal von Staat und Kirche dem Volk in Genf aufzuzwingen und einen Kirchenstaat, eine Theokratie zu errichten." (Geiser, 1971, S. 116).
1537 wurden die Täufer aus Genf vertrieben. Im April 1546 etwa wurde im Haus des Stadthauptmanns Perrin getanzt, woraufhin alle Beteiligten in den Kerker geworfen wurden. Ein Pfarrer, der dies unterstützt hatte, wurde seines Amtes enthoben.
Nach einer vermeintlichen schriftlichen Drohung gegen calvinistische Prediger und nach Auffinden von der Theologie Calvins abweichenden Schriften, wurde der verdächtigte Gruet unter Folter zu einem Geständnis gezwungen, zum Tode verurteil und geköpft (vgl. Aland, 1976, S. 100): "Gruet wurde zweimal am Tag gefoltert, nach ähnlicher Art womit Rom, zurecht von den Reformatoren verurteilt, die Inquisitionsopfer gefoltert hat, die beschuldigt wurden, es gewagt zu haben, ihren Dogmen zu widersprechen. Die Anwendung der Folter um 'Geständnisse' zu erpressen, wurde von Calvin zugelassen. Nach 30 Tagen schwerer Leiden, hat Gruet endlich gestanden – ehrlich oder aufgrund der Verzweiflung, seine Qualen zu beenden, das weiß niemand. Am 16. Juli 1547 wurde er halb tot an einen Pfahl gebunden, seine Füße wurden angenagelt und sein Kopf abgeschnitten. Das Köpfen war die Strafe für Zivilvergehen, der Scheiterhaufen war die Strafe für theologische Häresie. Hier sehen wir, dass fehlende Übereinstimmung mit Calvin als Kapitalverbrechen gegen den Staat behandelt wurde." (Hunt, 2002, S. 75). Mehrere Jahre später wurde eine theologisch verdächtige Schrift von Gruet entdeckt, die auf Anweisung Calvins vor Gruets Haus verbrannt wurde.
Castillo, der die Lehre Calvins von der stellvertretenden sühnenden Höllenfahrt Jesu als unbiblisch zurückwies, wurde von Calvin die Zulassung zum Pfarramt verweigert. Dieser wurde in Basel Professor für Griechisch und blieb erbitterter Gegner der Lehren Calvins.
Der Arzt Bolsec widersprach in einer Sitzung der von Calvin vertretenen doppelten Prädestinationslehre und vertrat folgende Meinung: "Weil der Mensch glaube, werde er erwählt; verworfen werde nur, wer sich dem allgemeinen Gnadenangebot Gottes entzöge" (Aland, 1976, S. 103), zudem meinte er "diejenigen, die einen ewigen Ratschluss Gottes postulieren, wodurch einige zum Leben und der Rest zum Tode bestimmt wurden, machen aus ihm einen Tyrannen und einen in der Tat einen Götzen, wie die Heiden es mit Jupiter gemacht haben." (zitiert in: Vance, 2002, S.86). Bolsec wurde mitten aus der Sitzung heraus verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Der Rat Genf wollte milde mit Bolsec verfahren, doch "Calvin ist aufs äußerste betroffen und versucht, den Rat trotzdem zur Exekution Bolsecs zu zwingen." (Aland, 1991, Bd.2, S. 174). Calvin konnte sich damit nicht durchsetzen und am 23. Dezember 1551 wird Bolsec aus der Stadt Genf vertrieben und kommt mit dem Leben davon. Als ein guter Freund Calvins, de Falais, sich zugunsten von Bolsec äußerte, brach Calvin schroff die langjährige Freundschaft mit ihm ab.
Ebenso griff Trolliet am 1. September 1552 die Institutio Calvins und dessen Prädestinationslehre an, die Gott zum Urheber der Sünde mache. Calvin wollte ebenfalls scharf gegen Trolliet vorgehen, jedoch konnte er nur eine Ehrenerklärung für sich und seine Institutio durch den Rat erreichen, in der es hießt: "Calvins Buch Institutio wäre eine gute und fromme Zusammenstellung, dass seine Lehre fromm sei, dass er als guter und wahrer Diener seiner Stadt angesehen würde und das fortan niemand es wagen dürfe, etwas gegen dieses Buch und seine Lehren zu reden" (Vance, 2002, S.86).
Es waren aber nicht allein seine Lehren, denen widersprochen wurde, sondern er selbst wurde mit Spott überzogen, so dass Hunde nach seinem Namen genannt wurden, Lieder geschrieben wurden, die ihn verhöhnten und Waffen in der Nacht neben seinem Fenster abgefeuert wurden. 1554 schrieb Calvin: "Hunde bellen mich von allen Seiten an. Überall werde ich als mit dem Namen 'Ketzer' begrüßt und mit allen Verleumdungen, die man auch erfinden kann, werde ich überhäuft. In einem Wort: die Feinde unter meiner eigenen Herde greifen mich mit größerer Bitterkeit an als meine erklärten Feinde unter den Papisten" (zitiert in: Vance, 2002, S.86).
Es gab natürlich nicht nur Widerstand gegen Calvin, sondern er fand auch seine Bewunderer wie den Schotten John Knox, der mehrere Jahre in Genf verbrachte und der die Stadt als perfekteste Schule Christi seit den Tagen der Apostel bezeichnete.
Einer der Höhepunkte im brutalen Vorgehen Calvins gegen Andersdenkende ist sicher der Prozess gegen Servet, einem spanischen Arzt und Entdecker des kleinen Blutkreislaufs. Calvin hatte Servet schon zwanzig Jahre lang gekannt, ordnete dann aber am 27. Oktober 1553 an, dass Servet als Gotteslästerer lebendig verbrannt werden sollte. Calvin plante, falls Servet nach Genf kommen sollte, bereits im Voraus seinen Tod. Für den Fall seines Kommens, schreibt Calvin: "werde ich niemals zulassen, dass er lebend wieder geht, wenn ich nur ein wenig Einfluss habe" (zitiert in: Aland, 1976, S.105). Servet wird tatsächlich bei einem von Calvin gehaltenen Gottesdienst in Genf erkannt und auf Veranlassung Calvins verhaftet. Calvin formuliert die Anklage mit der Forderung der Todesstrafe und tritt als Hauptankläger gegen ihn auf. Er schreibt während des Prozesses gegen Servet: "Ich hoffe, dass an ihm das Todesurteil vollstreckt wird" (zitiert in: Hunt, 2002, S. 80). Das geforderte und später vollstreckte Todesurteil hatte die Ablehnung der Trinität und die Ablehnung der Säuglingstaufe, also allein theologische Differenzen zur in Genf vertretenen Theologie Calvins und keine kriminellen Vergehen, zur Grundlage.
Im Februar 1554 veröffentlicht Calvin ein Schreiben, in dem er die Hinrichtung Servets verteidigt und auch 1561 äußert er sich über Servet, dass solche Menschen ausgelöscht werden sollten. "Calvins Anteilnahme am Zustandekommen dieses Prozesses wie sein Auftreten bei den Verhandlungen erfüllt weite Kreise – das kann man wohl sagen, ohne ungerecht zu werden – mit Schaudern und Entsetzen wegen der dabei zu Tage tretenden Härte und Erbarmungslosigkeit Calvins" (Aland, 1991, Bd. 2, S.177).
Calvin war ein Verfechter davon, verdächtige Frauen, die man für Hexen hielt, aufzuspüren und hinzurichten und duldete dabei keinen Widerspruch. "Unter Inanspruchnahme des weltlichen Arms wurde mit beispielloser Grausamkeit die neue Ordnung der Kirchenzucht durchgeführt, wobei sogar die Folter in schärfster Form angewandt wurde. In den Jahren 1542-1546 sollen 58 Personen in Genf hingerichtet, 76 verbrannt und 34 Frauen als Zauberinnen gevierteilt und verbrannt worden sein. Auch jede geringste Abweichung von Calvins Kirchenbekenntnis und Kirchenform wurde sehr streng bestraft. Wer an einem Abendmahlssonntag nicht kommunizierte, musste öffentlich Kirchenbusse tun. Fürwahr eine sonderbare Form der Heilsverkündigung! Dass es sich bei solcher Kirchenzucht nicht um wahre Gemeindezucht im biblischen Sinn handelte, sollte jedermann klar sein. Unter Calvins 'geistlicher Amtskirche' wurde die Kirche zur Polizeikirche." (Geiser, 1971, S. 117).
Calvin beschuldigt auch mehrere Männer und Frauen durch Zauberei die Pest in der Stadt verursacht zu haben und rühmt sich in einem Brief an einen Freund, dass 15 Frauen davon schon verbrannt worden sind, die Männer noch härter bestraft werden, und 25 der Kriminellen noch im Gefängnis sitzen (vgl. Hunt, 2002, S.76).
In seinem Vorgehen gegen Menschen anderer theologischer Auffassungen und Überzeugungen ist zwischen dem, was Calvin in Genf durchsetzte, und der römischen Inquisition kein Unterschied zu erkennen.
Calvins Sakramentenlehre
Neben seinem Auftreten in Genf und seiner Meinung zur Prädestination, gibt es weitere Lehren und Praktiken, die Calvin vertrat, und die von vielen Christen damals wie heute abgelehnt werden. Calvin bestritt die Lehre der sieben Sakramente der katholischen Kirche und behielt nur die Säuglingstaufe und das Abendmahl bei: "Wie außer diesen beiden Sakramenten kein anderes von Gott gestiftet ist, so darf auch die Kirche der Gläubigen kein anderes anerkennen" (Institutio, 4. Buch, Kap. 18).
Zu den Elementen (d.h. das Wasser der Taufe und Brot und Wein im Abendmahl) müssten vom Pfarrer bestimmte Worte gesprochen werden, dann würden daraus Sakramente werden. Calvin bezieht sich dabei nicht auf die Heilige Schrift, sondern auf Augustinus, den er für seine Sicht anführt und zitiert: "Es trete das Wort zu dem Element, so wird daraus ein Sakrament. Denn woher kommt diese gewaltige Kraft des Wassers, dass es den Leib berührt und das Herz rein wäscht, anders als aus der Wirkung des Wortes?" (Institutio, 4. Buch, Kap. 14). Von den Sakramenten und dem dabei gepredigten Wort des Pfarrers gehen nach der Meinung Calvins göttliche Verheißungen, Wirkungen und Kraft aus ("die Kraft, die unsere Sakramente haben": Institutio, 4. Buch, Kap. 23), denen auch Glauben zu schenken sei. Ohne Akzeptanz und innere Überzeugung seitens der Empfänger blieben sie hingegen wirkungslos: "Die Sakramente gewähren und nutzen uns aber nichts, wenn sie nicht im Glauben empfangen werden" (Institutio, 4. Buch, Kap. 17). An anderer Stelle äußert Calvin folgende Überzeugung über die Sakramente: "Ich behaupte: Christus ist die Materie oder, wenn man es so lieber will, die Substanz aller Sakramente." (Institutio, 4.Buch, Kap.16). Im weiteren Verlauf seiner Auseinandersetzung beschreibt Calvin die Beschneidung der Juden als Sakrament, das durch die Kindertaufe abgelöst worden sei.
Calvins Sakramentenlehre wird auch heute aufgegriffen und vertreten. Bernhard Kaiser etwa meint: "In Wort und Sakrament kommt Christus zum Menschen [...]" (2001, S.31). Auch in der von Kaiser unterstützten Kamen-Initiative heißt es im Bekenntnistext: "Wir bekennen, dass Gott dem Menschen das in Christus vollbrachte Heil durch das äußere Wort und die vom Wort getragenen Sakramente Taufe und Abendmahl zueignet und dass diese die Zusage seines Gnadenbundes bezeugen und besiegeln." (1999/2000, S.4).
Die Vergebung der Sünden durch die Säuglingstaufe
Als Calvin wiederholt mit der Lehre der Taufe der Gläubigen, wie sie der Schrift "von der christlichen Tauff der Gläubigen" von Balthasar Hubmaier und anderen gelehrt wurde, konfrontiert wird, antwortet er am 1.Juni 1544 mit einer polemischen Schrift gegen die vermeintlichen Irrtümer der Sekte der Täufer. Auch in seiner Institutio greift er die Lehre der Glaubenstaufe an. Nach Auffassung Calvins ist "es kein Geringerer als Satan selber, der die Kindertaufe angreift." (Geiser, 1971, S. 117f). Das Verständnis der Täufer widerspricht Calvins sakralem Verständnis, das dieser von Augustinus übernommen hatte.
In seinem Genfer Katechismus findet man folgende Auffassung Calvins zur Säuglingstaufe: "Im Besonderen bedeutet die Taufe zweierlei: die Reinigung, die wir durch das Blut Christi erlangen, und die Überwindung unseres Fleisches, die wir durch seinen Tod erhalten haben. Der Herr hat geboten, dass die Seinen um der Vergebung der Sünden willen getauft werden. Und der Heilige Paulus lehrt, dass Christus die Kirche, deren Bräutigam er ist, durch das Lebenswort heiligt und durch die Wassertaufe reinigt." (Calvin, 1987, S. 61).
Calvin identifiziert die Säuglingstaufe mit dem Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes (vgl. Institutio, 4. Buch, Kap.15) und meint im selben Abschnitt: "Im gleichen Sinne lesen wir bei Petrus, dass uns die Taufe selig mache (1.Petr. 3,21.". Weiter schreibt Calvin im gleichen Kapitel: "so müssen wir stets bedenken, dass wir damit zugleich für unser ganzes Leben abgewaschen und gereinigt werden. So oft wir also in Sünde gefallen sind, sollen wir uns unsere Taufe ins Gedächtnis zurückrufen und unser Herz damit wappnen, damit es allezeit der Vergebung der Sünden gewiss und sicher sei. Denn obwohl es den Anschein hat, als ob die Taufe, einmal vollzogen, nun vergangen sei, so ist sie doch durch die späteren Sünden nicht abgetan. Denn es ist uns ja in ihr die Reinheit Christi dargereicht worden, und die bleibt allezeit in Kraft und wird von keinerlei Flecken überdeckt, sondern deckt alle unsere Unreinigkeiten zu und tilgt sie weg."
Im 4.Buch in 16.Kapitel der Institutio verteidigt Calvin die Taufe von Säuglingen. Wenn die Taufe – wie bei Calvin – als Sakrament verstanden wird, durch das ungläubige Kinder gerettet werden, ist dies in sich schlüssig. Als Argumentationshilfe vergleicht er die Säuglingstaufe mit der Beschneidung des Alten Bundes. An anderer Stelle nimmt er Stellung gegen die Auffassung der Täufer und argumentiert, dass den Säuglingen die Vergebung der Sünden, wie sie nach Calvins sakramentalem Verständnis durch die Taufe zugeeignet werde, nicht vorenthalten werden dürfe.
Geiser meint zum Taufverständnis Calvins:
"Nach der Tauftheologie Calvins bestätigt die Taufe dem Getauften seine Zugehörigkeit zu Gottes Gnadenbund mit seinem Volk, ist demnach eine 'Einpflanzung in Christus', bzw. die Aufnahme in die Gemeinde der Auserwählten. In diesem Sinne suchte er die Kindertaufe zu begründen und zu verteidigen; er stützte sich dabei wie Zwingli, auf das alttestamentliche Bundeszeichen der Beschneidung. Er glaubte darin ein 'sicheres Argument' für die Taufe von neugeborenen Kindern zu finden." (1971, S. 117f).
Calvins Taufverständnis ist im Einklang mit der Lehre der unwiderstehlichen Gnade, da Säuglinge wohl oder übel mit dem gnadenspendenden und reinigenden Taufwasser in Berührung kommen und dadurch zum Gottesvolk der Erwählten hinzukommen und Vergebung der Sünden erhalten. Calvin spricht an anderer Stelle ausdrücklich davon, dass Gott durch die Säuglingstaufe die Wiedergeburt schenken würde (vgl. Institutio, 4. Buch, Kap.17).
Die Heilige Schrift hingegen kennt an keiner einzigen Stelle eine Taufe Ungläubiger oder eine Besprengung von Säuglingen mit Wasser, sondern allein die Taufe von Menschen, die das Evangelium gehört und an Jesus Christus geglaubt haben. Paulus schreibt in Röm 10,17 "Demnach kommt der Glaube aus der Predigt, die Predigt aber durch Gottes Wort."
Gottes Wort muss also zunächst gepredigt werden, dazu müssen die Adressaten in der Lage sein zu verstehen und zu hören. Wenn dann das Evangelium angenommen wurde, können Menschen getauft werden. Eine andere Lehre kennt die Heilige Schrift nicht. Somit ist die Verkündigung einer Erlösung unmündiger Säuglinge aufgrund sakraler Handlungen als kardinaler Irrtum Calvins abzuweisen. Calvin war die Lehre der Taufe der Gläubigen zwar bekannt, in seinen Schriften bekämpft er sie jedoch aufs heftigste und stellt ihr die Lehre der Taufwiedergeburt entgegen. Daher ist mit Weller, der sämtliche Stellen im Neuen Testament zur Taufe untersucht hat, abschließend festzuhalten: "All den Vermutungen und Behauptungen zur Rechtfertigung der Säuglingstaufe stehen in Gottes Wort klare und eindeutige Aussagen über die Taufe solcher, die an den Herrn Jesus gläubig geworden sind, gegenüber. Es gilt daher, zur biblischen Taufe ein eindeutiges Ja zu finden und allein diese zu vertreten. Würde man mutig und entschieden die Taufe an diejenige Stelle setzen, die uns in der Bibel gezeigt ist, nämlich zuerst der Glaube, dann die Taufe, und würde man die Taufe nach dem Vorbild der Heiligen Schrift sofort nach der Bekehrung vollziehen, brauchte man nicht mehr über die Tauf-Aussagen in den Lehrbriefen zu philosophieren; alle Taufprobleme wären gelöst, und jeder Streit darüber würde sich erübrigen." (1997, S.149)
Der Sakramentalismus im Abendmahl
Alle Reformatoren und auch Calvin lehnten die katholische Lehre der Transsubstantiation, wonach sie die Elemente im Abendmahl in den Leib und das Blut Christi verwandeln würden, ab. Luther war mit seiner Auffassung der Konsubstantiation jedoch nicht sehr weit davon entfernt. Der Reformator Zwingli behielt im Hinblick auf das Abendmahl die Lehre des Neuen Testamentes bei, wonach dieses zum Gedächtnis der Christen an das vollbrachte Erlösungswerk Jesu sei: "das tut zu meinem Gedächtnis!" (Lk 22,19, ebenso 1Kor 11,24f).
Dieser Auffassung widersprach Calvin als falsche und verderbliche Sicht (vgl. Vance, 2002, S. 108). Zur unterschiedlichen Auffassung zwischen der Sicht Zwinglis, wie sie damals und auch heute von vielen Christen vertreten wird, und der Auffassung Calvins meint Beckmann: "Als ersten charakteristischen und wesentlichen Punkt fassen wir die Bestimmung der Gegenwart Christi im Abendmahl ins Auge. Calvin hat ihre Wirklichkeit und Wahrheit gegen die Zwinglianer verteidigt und ihre Eigenart gegenüber den Lutheranern mit großer Energie festgehalten.[...] Die Zwinglianer leugneten eine spezifisch sakramentale Gegenwart, sie erkannten nur eine psychologische Vergegenwärtigung durch die Feier als Erinnerungsmahl. Ihnen gegenüber behauptet Calvin eine sakramentale Vergegenwärtigung des wahren Fleisches und Blutes Christi." (1926, S.105).
Zum Abendmahlsverständnis bei Calvin gibt sein Katechismus folgende Erklärung: "Macht und wirksame Gegenwart Christi bewirken im Abendmahl in uns nicht nur das feste Vertrauen auf das ewige Leben, sondern auch die Gewissheit, dass unser Fleisch unsterblich ist, denn es wurde schon von seinem unsterblichen Fleisch belebt und hat gewissermaßen an seiner Unsterblichkeit teil. Köper und Blut sind deshalb in der Gestalt von Brot und Wein dargestellt, damit wir nicht nur begreifen, dass sie unser sind, sondern vielmehr, dass sie uns Leben und tägliche Nahrung bedeuten" (Calvin, 1987, S. 63).
Nach seiner sakramentalen Definition, wonach Christus selbst die Substanz bzw. Materie der Elemente Brot und Wein ist (vgl. Institutio, 4. Buch, Kap. 16), schreibt Calvin im Hinblick auf das Abendmahl: "unsere Seelen werden genau so mit Christus gespeist, wie Brot und Wein das leibliche Leben erhalten. [...] Sie soll uns die Gewissheit verschaffen, dass der Leib des Herrn dergestalt einmal für uns geopfert worden ist, dass wir ihn jetzt als Speise genießen und über solchem Genießen die Wirkkraft dieses einen Opfers an uns erfahren" (Institutio, 4. Buch, Kap. 17).
In seinem Kapitel "Die Gegenwart des Leibes Christi im Abendmahl" vertritt Calvin folgende Lehre: "Zusammenfassend sei gesagt: unsere Seelen werden mit dem Fleisch und Blut Christi nicht anders genährt, als wie Brot und Wein das leibliche Leben erhalten und fördern. Denn das Entsprechungsverhältnis, das bei dem Zeichen (in seiner Beziehung zur Sache) besteht, würde nicht passen, wenn die Seelen nicht ihre Speise in Christus fänden. Und das kann nicht geschehen, wenn Christus nicht in Wahrheit mit uns in eins zusammenwächst und uns durch das Essen seines Fleisches und das Trinken seines Blutes erquickt. Es mag allerdings wohl unglaublich erscheinen, dass Christi Fleisch bei so großer Entfernung zu uns dringen kann, um uns zur Speise zu werden." (Institutio, 4.Buch, Kap.17).
Miller meint zu Sicht des Reformators: "Nach Calvin wird wirklich, wie auch Luther lehrte, der Leib und das Blut Christi genossen [...]" (1983, Bd. 2, S.485). Ebenfalls meint Aland dazu: "Auch Calvin gibt zu, dass die Gläubigen wirklich und substantiell im Abendmahl Fleisch und Blut Christi erhalten, aber nur deren Kraft wird auf sie durch den Geist Christi übertragen. Der gekreuzigte Christus ist die Materie, die Substanz des Abendmahls; die Kraft, welche die Teilnehmer dran hier erhalten, ist die Versöhnung, das neue Leben" (1976, S. 108).
Calvin argumentiert in seinem Hauptwerk (vgl. Institutio, 4.Buch, Kap.17), dass Menschen durch den Empfang von Brot und Wein, mit der Erlösung in Verbindung gebracht werden.
"In seinem heiligen Abendmahl gebietet er mir, unter den Merkzeichen von Brot und Wein seinen Leib und sein Blut zu empfangen, zu essen und zu trinken" (Institutio, 4. Buch, Kap.17). Sierszyn beschreibt das Abendmahlsverständnis von Calvin mit folgenden Worten: "Trotzdem ist Jesus Christus im Abendmahl gegenwärtig durch den Heiligen Geist. Das Abendmahl wird für die Gläubigen zur geistlichen Speise (manducatio spiritualis). Christus speist die gläubige Seele geistlich mit seinem Leib und seinem Blut zur Vergebung der Sünden." (2000, Bd. 3, S. 242f).
Für ein sakramentales Verständnis des Abendmahls gibt es keine Grundlage in der Heiligen Schrift. Das Abendmahl ist für Christen eingesetzt, die durch Buße und Bekehrung zu Christus bereits Vergebung der Sünden empfangen haben und die sich in den Zusammenkünften an das am Kreuz vollbrachte Werk des Herrn erinnern. Sowohl der Herr selbst, als auch der Apostel Paulus reden nicht davon, das die Feier des Abendmahl "zur Vergebung der Sünden" sei, oder, dass Christus in Brot und Wein gegenwärtig wäre, sondern, dass Christen dies zum Gedächtnis an das Werk des Herrn feierlich begehen sollten.
Weitere Lehren Calvins
Wie bereits im Wirken Calvins in Genf deutlich wird, vertrat dieser die katholische Lehre, dass die weltliche Obrigkeit zur Durchsetzung des Glaubens herangezogen werden soll. In seiner Institutio lehrt Calvin: "Das bürgerliche Regiment aber hat die Aufgabe, solange wir unter den Menschen leben, die äußere Verehrung Gottes zu fördern und zu schützen, die gesunde Lehre der Frömmigkeit und den (guten) Stand der Kirche zu verteidigen [...]" (4. Buch, Kap. 22). Calvin bediente sich daher der weltlichen Macht und ließ Gegner ausweisen, inhaftieren oder hinrichten und unterscheidet sich dabei nicht von der katholischen Inquisition, die kein anderes Vorgehen im Umgang mit Andersdenkenden kannte. Auch bediente sich die abgefallene religiöse jüdische Führung des weltlichen Armes unter Pontius Pilatus, um das Todesurteil gegen Jesus Christus zu vollstrecken, da dieser nicht im Einklang mit ihren Lehren stand.
In Joh 18,36 sagt Jesus Christus jedoch im Hinblick auf die Durchsetzung seiner Lehre mit Gewalt: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wäre mein Reich von dieser Welt, so hätten meine Diener gekämpft". Ebenso untersagt Jesus seinem Jünger Petrus mit Waffengewalt vorzugehen, als er verhaftet wird (Joh 18,11). Der Apostel Paulus wendet sich gegen irdische Herrschaftsansprüche der Gemeinde in der jetzigen Zeit (vgl. 1Kor 4,8). Das Buch der Offenbarung macht jedoch deutlich, dass es eine künftige Zeit geben wird, in der Christus mit der Gemeinde regieren und herrschen wird.
Calvin lehrte außerdem, dass die Kinder der Erwählten allein aufgrund ihrer Abstammung vorgeburtlich bereits zum Volk Gottes gehören würden, d.h. Christen wären: "Wenn Gott die Verheißung gibt, dass er unser Gott sein will und der Gott unseres Samens nach uns (Gen. 17,7), so kündigt er uns damit an, dass er unsere Kinder schon vor ihrer Geburt zu den Seinen annimmt. In jenem Wort ist ihr Heil beschlossen." (Institutio, 4. Buch, Kap. 15).
Dieser Auffassung wird kaum ein Leser der Heiligen Schrift zustimmen können, denn niemand kommt als Christ auf die Welt oder kann bereits vorgeburtlich dem Volk Gottes zugezählt werden. Ohne Buße und Hinwendung an Christus als Herrn und Heiland kann niemand als Erlöster bezeichnet werden. Die Heilige Schrift nennt alle Menschen Sünder und beschreibt sie als erlösungsbedürftig. Ohne Christus im Leben ist jeder Mensch, egal welcher Abstammung, ein Kind des Todes und bedarf der Vergebung. Weller meint: "So zeigen alle neutestamentlichen Bibelstellen, in denen von Bekehrung die Rede ist, eindeutig und unmissverständlich die Notwendigkeit einer persönlichen Lebenswende, einer 'Buße zu Gott', nämlich der 'Bekehrung', um gerettet zu werden." (1997, S. 63).
Eine andere Lehre, die von vielen Christen abgelehnt wird, ist, dass Calvin verkündigte, dass Christus die Sünden zusätzlich außerhalb der Stunden am Kreuz von Golgatha gesühnt habe. Dazu äußert er sich im Kapitel "Christus hat uns durch seinen Gehorsam erlöst, den er in seinem ganzen Leben leistete" (Institutio, 2. Buch, Kap.16): "Fragt man nun, auf welche Weise Christus die Sünde getilgt, dem Streit zwischen uns und Gott ein Ende gemacht und uns die Gerechtigkeit erworben hat, die uns Gott wieder geneigt und gnädig macht, so ist darauf allgemein zu antworten: er hat das durch den Gehorsam während seines ganzen Lebens für uns vollbracht."
Daneben lehrt Calvin auch ein stellvertretendes Sühneleiden Jesu in der Hölle. Unter der Überschrift "Das 'Abgestiegen zur Hölle' als Ausdruck der seelischen Qual, die Christus für uns litt" schreibt er: "Aber man darf auch das 'Abgestiegen zur Hölle' nicht übergehen; denn auch darin liegt Wichtiges zur Erfüllung des Erlösungswerkes beschlossen. [...] Aber es wird bald deutlich werden, welche große Bedeutung sie für die Gesamterkenntnis unserer Erlösung hat. [...] Es war ja nicht damit getan, dass Christus bloß den leiblichen Tod gelitten hat [...] Deswegen musste er auch mit den Mächten der Hölle [...] den Kampf bestehen" (Institutio, 2. Buch, Kap.16).
Keine einzige Stelle der Heiligen Schrift spricht davon, dass der Tod des Herrn am Kreuz nicht ausreichend war, um völlige Sühnung zu bewirken, sondern dass Christus auch bereits vor den Stunden am Kreuz und auch danach in der Hölle Sühnung leisten musste.
Kurz vor seinem Tod am Kreuz spricht der Herr gerade nicht von einer bevorstehenden Fahrt in die Hölle, um dort weiter für die Sünden zu leiden, sondern spricht zu dem Gekreuzigten neben ihm, der zur Umkehr fand: "Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein!" (Lk 23,43). Der Herr Jesus ging also nach seinem Tod nicht zur stellvertretenden Sühnung in die Hölle, sondern ins Paradies und das Werk am Kreuz war vollbracht (Joh 19,30).
Ebenso hat Christus die Sünden nicht vor den Stunden am Kreuz getragen oder wurde von Gott mit unseren Sünden während seines irdischen Dienstes identifiziert, da 1Pet 2,24 sagt: "Er hat unsere Sünden selbst an seinem Leib getragen auf dem Holz, damit wir, den Sünden gestorben, der Gerechtigkeit leben mögen; durch seine Wunden seid ihr heil geworden."
Die Sünden hat Christus also weder in der Hölle getragen oder während seiner Zeit auf Erden dafür gesühnt, sondern das erfolgte allein in der Zeit, als er am Kreuz von Gott verlassen war und für die Sünden der Menschen Sühnung tat.
Schlussgedanken zur Person Calvins
Es gibt damals wie heute Freunde und Gegner der Lehren Calvins. Hans-Werner Deppe et al. etwa empfiehlt dessen Hauptwerk, die Institutio: "Als umfassendes Lehrbuch insbesondere über Gott und sein Heil ist die Institutio – stets unter Beachtung von 1Thes 5,21 – sehr zu empfehlen." (2006, o.S.)
Von Verteidigern der Auswüchse Calvins werden zur Rechtfertigung die Zeitbedingtheit seiner Handlungen angeführt oder gar auf noch schlimmere Zustände – etwa in der Kirche Roms oder anderswo – verwiesen: "wir dürfen einem Mann nicht dafür die Schuld geben, in welche Umständen er hineingeboren wurde", meint einer der Befürworter Calvins (zitiert in: Vance, 2002, S. 87). Auch in der damaligen Zeit gab es jedoch zahlreiche entschiedene Christen, deren Leben, Lehre und Ethik nicht mit den fragwürdigen Meinungen und Handlungen Calvins vergleichbar ist. Die Täufer etwa, gegen die Calvin in Schriften vorging und die Genf verlassen mussten, vertraten nicht die Sicht, dass theologische Gegner verfolgt oder gar hingerichtet werden sollten. Zudem ist der einzige Maßstab zur Beurteilung von Leben und Lehre nach Auffassung vieler Christen zu allen Zeiten allein die Heilige Schrift und nicht der jeweils herrschende Zeitgeist. "Ist nicht Christus allein der Maßstab für seine Nachfolger? Und ist er nicht immer derselbe, unabhängig von Zeit und Kultur? Wie kann man Päpste für das Böse, was sie taten, verurteilen (und das zurecht), das sie unter dem Banner des Kreuzes verübt haben, während man Calvin für genau dasselbe Tun entschuldigt, auch wenn es im kleineren Rahmen ablief?" (Hunt, 2002, S.84).
In seinen zahlreichen Auslegungen, Schriften, Predigten und Kommentaren findet sich keine einzige Erwähnung von einer persönlichen Buße, Bekehrung und Annahme von Jesus Christus als Herrn und Heiland (Joh 1,12) seitens Calvins. Auch hatte er nie anderen die Buße und Bekehrung zu Christus zur Vergebung der Sünden gepredigt, sondern sah das Heil in den Sakramenten und lehrte die Vergebung der Sünden durch die Säuglingstaufe und Teilnahme am Abendmahl. Einmal spricht er in einer autobiographischen Stelle in seinen Schriften von einer "subita conversione ad docilitatem", d.h. von einer plötzlichen Bekehrung, wobei das Objekt jedoch nicht Christus, sondern die Gelehrigkeit war (vgl. Aland, 1976, S. 94; Sierszyn, 2000, Bd. 3, S.235). Dave Hunt meint dazu: "Stelle ich in Abrede, dass Calvin gerettet war? Nein, nur Gott kennt sein Herz. Aber wenn alles, was er glaubte, daraus bestand (wie er lehrte), dass Christus nur für die Auserwählten starb, und dass seine Kindertaufe in der römisch-katholische Kirche bewies, dass er einer der Auserwählten war, war er demnach nie gerettet, egal wie beredt er über Christi Leiden am Kreuz für unsere Sünden schrieb." (2005b, o.S.). Die Frage also, ob Calvin ein im neutestamentlichen Sinne wiedergeborener Christ und Nachfolger Jesu war, kann an dieser Stelle nicht abschließend geklärt werden.
Die Zwei-Rufe-Lehre im Calvinismus
Ein Evangelium – zwei Absichten?
Im Calvinismus wurde die Lehre der Zwei-Rufe entwickelt. Das bedeutet, dass die Verkündigung des einen Evangeliums aus zwei Rufen – dem allgemeinen und dem speziellen – bestehe. Das Evangelium ist zwar allen Menschen zu verkündigen, aber durch die wirksame Gnade werden dabei nur die Erwählten unwiderstehlich und tatsächlich gerettet. Wer nicht auf das Evangelium reagieren könne, da er ja nicht zum Heil erwählt worden ist, werde im allgemeinen Ruf („General Call“) angesprochen. Dieser könne bzw. solle jedoch keinen Glauben hervorbringen, denn der sei ja nur bestimmten Erwählten vorbehalten.
Die Verkündigung des Evangeliums hat im Hinblick auf den allgemeinen Ruf, der an alle Menschen gerichtet ist, also nicht das Ziel, tatsächlich Glauben bei den Hörern hervorzubringen.
Das Westminster Bekenntnis drückt den Gedanken des allgemeinen Rufes ("general call") in Art. 10,3 so aus: "Andere, die nicht erwählt sind, kommen, obwohl sie durch den Dienst des Wortes berufen werden und einige allgemeine Wirkungen des Geistes haben mögen, doch niemals wirklich zu Christus und können deswegen nicht gerettet werden."
Arnd Bretschneider, Dozent beim Samstags-Bibel-Seminar, greift diese Gedanken auf und meint: "Man muss unterscheiden zwischen dem allgemeinen Ruf Gottes zur Umkehr, der durch das Evangelium verkündigt wird und an alle Menschen geht (allgemeine Berufung), und dem speziellen inneren Ruf an den Einzelnen (hier). Gott tritt in das Leben des erwählten Menschen hinein und beruft ihn ganz persönlich." (o.J., S. 3).
Da die Theorie des zweifachen Rufens auch zwei bestimmte Gruppen von Adressaten beinhaltet, erscheint es zunächst folgerichtig eine zweifach geteilte Welt vorauszusetzen. Der Ruf und die Gnade richten sich in der Verkündigung des Evangeliums innerhalb der ungläubigen Zuhörerschaft einerseits an diejenige erwählte Gruppe, die die eigentlichen Adressaten der Verkündigung sind. Unklar bleibt jedoch andererseits, welche Absicht Gottes mit dem Ruf des Evangeliums an die zweite Gruppe der Nicht-Erwählten hat, dem die Adressaten ja ohnehin widerstehen, da sie (per Calvinismus) nicht im Stande sind, an das Evangelium zu glauben.
Die eine gefallene Welt – Zielgruppe der einen Verkündigung
Ruft Gott im Evangelium tatsächlich auf zweierlei Weise – einerseits "äußerlich", allgemein und alle Zuhörer, und ohne Reaktionsmöglichkeit der Menschen darauf und andererseits "innerlich" mit unabdingbar errettender Folge bei den Auserwählten?
Der biblischen „Weltanschauung“ liegen im Gegensatz zur „doppelten Weltsicht“ folgende Aussagen zugrunde:
1Joh 5,19 „Wir wissen, dass wir aus Gott sind, und die ganze Welt liegt in dem Bösen.“
Eph 2,3 „Unter diesen hatten auch wir einst alle unseren Verkehr in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen.“
In Eph 2 werden Menschen, ehe sie zur Umkehr und Wiedergeburt kamen, „Kinder des Zorns“ genannt. Gemäß calvinistischer Auffassung waren sie bereits vor Grundlegung der Welt dazu ausersehen, sich zu bekehren und zu glauben. Wenn sie die Erwählten waren, wie kann sie der Apostel hier „Kinder des Zorns“ nennen und den „anderen“ Unbekehrten gleichstellen?
Johannes schreibt, die ganze (!) Welt liegt im Bösen. Paulus sagt, alle unerlösten Menschen sind – ohne Unterschied – Kinder des göttlichen Zornes. Offensichtlich kennt die Heilige Schrift diese Art von Zweiteilung der Gesellschaft nicht.
Ehe sie glauben, stehen alle Menschen im Unglauben unter demselben göttlichen Zorn und erwarten dasselbe göttliche Gericht. Würden sie in jenem Augenblick sterben, würden sie alle dasselbe Los treffen. So eine Zweiklassengesellschaft – bestehend aus Erwählten einerseits und aus der Verdammnis Überlassenen andererseits – kennt Gott nicht; denn es besteht kein Unterschied: alle haben gesündigt, alle Welt ist vor Gott schuldig (vgl. Röm 3), alle sollen das Evangelium hören, alle sind aufgerufen zu glauben, alle sind gleichermaßen Gegenstand des Rufens und Werbens Gottes.
Da hilft keine Umdeutung des Wortes „Welt“ und keine eigenmächtige Beschränkung des Evangeliums. Es darf kein Widerspruch geduldet werden, der das Ausmaß der Liebe Gottes beschränkt, „Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat." (Joh 3,16).
Ergebnis
Eine in sich inkonsequente Konstruktion – wie die des Calvinismus – beinhaltet ein widersprüchliches Wollen und Handeln Gottes und führt zu einem schizophrenen Gottesbild, das dem der Heiligen Schrift völlig zuwiderläuft, da dieser das Heil aller Menschen will und dafür auch alles in Christus getan hat. Im allgemeinen Ruf hingegen bietet Gott im Evangelium allen das Heil an, jedoch können es die Zuhörer nicht ergreifen – es wird also ein Angebot und eine Einladung ausgesprochen, von der klar ist, dass ihr nicht nachgekommen werden kann. Es wäre schon nach menschlichen Maßstäben eine Unaufrichtigkeit oder gar provokant, eine Einladung auszusprechen, obwohl offensichtlich ist, dass der Adressat sie nicht annehmen kann, da es ihm völlig unmöglich ist zu kommen. Die calvinistische Theorie wäre, auf menschliche Verhältnisse angewandt, gleichbedeutend damit, dass ein Inhaftierter zu einer Geburtstagsfeier eingeladen würde, aber die Einladung nie annehmen könnte.
Jean Gibson et al. meint dazu: "Calvinisten sagen uns, dass es zwei Arten von Gnade gibt: Eine allgemeine und eine wirksame. Allgemeine Gnade ist die unverdiente Gunst Gottes für alle Menschen, aber bringt keine Errettung. Wirksame Gnade bringt die Menschen dazu an den Herrn Jesus zur Errettung zu glauben. Die Bibel sagt, dass Gnade wirklich Gnade ist, eine unverdiente Gunst Gottes, ohne solche Unterscheidungen, wie sie eben gemacht wurden. Es gibt keinen Hinweis, dass es eine Art von Gnade für die allgemeine Masse gibt, und eine andere Art für nur einige wenige. Calvinisten denken, dass die Menschen für die allgemeine Gnade dankbar sein sollten und nicht danach fragen sollten, warum ihnen nicht die Möglichkeit im Sinne der Gnade, die ihnen Errettung bringen würde, gegeben wird" (1992, S.7).
Das Evangelium zielt darauf ab, bei allen Zuhörern Buße und Glauben zu bewirken. Das Erbarmen Gottes richtet sich auf alle Menschen – ohne Ausnahme: "Denn Gott hat alle miteinander in den Unglauben verschlossen, damit er sich über alle erbarme" (Röm 11,32). Die Lehre der Zweiteilung der Welt in Erwählte und Nichterwählte bzw. das „Zweifache Rufen Gottes“, muss als falsch zurückgewiesen werden, da sie nicht aus der Heiligen Schrift hervorkommt, sondern im Gegensatz zu ihr steht.
Umkämpfte Schriftstellen
Es ist offensichtlich, dass im Calvinismus bestimmte Schriftstellen als Beleg herangezogen werden, um die lehrmäßige Richtigkeit des Lehrsystems zu belegen. Daher ist es jetzt notwendig, die ins Feld geführten Schriftbelege einer Prüfung zu unterziehen und dabei die Frage zu erörtern, ob das Lehrsystem direkt aus den angeführten Schriftstellen abgeleitet wurde, oder ob es sich um menschliches Gedankengut handelt.
Matthäus 22,14
„Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte.“
Textinterpretation im Sinne des Calvinismus
Mit diesem Vers endet das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl. Er wird verwendet, um die calvinistische Hypothese der „Zwei-Rufe“ bzw. „Zwei-Welten“ Lehre zu belegen. MacArthur etwa meint zu diesem Vers: "Diese Berufung wird manchmal als 'allgemeine Berufung' bezeichnet (oder als 'äußere Berufung'). Sie ist eine Aufforderung zu Buße und Glauben und in der Botschaft des Evangeliums inbegriffen. Diese Berufung ergeht an alle, die das Evangelium hören. 'Viele' hören es; nur 'wenige' antworten darauf [...]. Die Hörer, die dem Ruf folgen sind die 'Auserwählten'. In den paulinischen Briefen bezieht sich das Wort 'Berufung' normalerweise auf Gottes unwiderstehlichen Ruf, der nur an die Erwählten ergeht (Röm 8,30). Sie wird 'wirksame Berufung' (oder 'innere' Berufung) genannt." (2002, S. 1346).
Das Evangelium richte sich demnach an zwei fixe, vorweltlich von Gott definierte Gruppen: Einerseits an die Auserwählten, die diesem Ruf Folge leisten und durch die "wirksame Berufung" unweigerlich, d.h. unwiderstehlich, zur Bekehrung finden, andererseits an die Gruppe derer, die von Gott nicht zum Heil vorgesehen war ("die vielen Berufenen"). Dieser Teil wird zwar mit dem Evangelium konfrontiert, allerdings verfolge Gott damit nicht das Ziel ihrer tatsächlichen Bekehrung. An diese Gruppe ergeht das Evangelium als "allgemeine Berufung".
Es wird dabei also vorausgesetzt, die Gruppe der Nicht-Erwählten wäre mit einem äußeren, allgemeinen Ruf Gottes konfrontiert, die geringe Zahl an Erwählten ("wenige aber Auserwählte") mit einem speziellen, inneren Ruf, der zwangsläufig zur Bekehrung führen muss, da dies auf die so genannte „unwiderstehliche Gnade“, die dabei wirksam sei, zurückzuführen wäre. Das eine Evangelium wird also im Hinblick auf die Adressaten – ob zum Heil vorgesehen oder nicht – in zwei Rufe unterteilt, wobei der allgemeine Ruf niemals zur Bekehrung führen wird, da diesen diejenigen hören, die nicht gerettet werden können bzw. sollen. Calvin, der ebenfalls auf Mt 22,14 Bezug nimmt, meint dazu: "Es wird keinen Zweifel geben, wenn wir daran festhalten, was sich aus den obigen Ausführungen bereits klar ergibt, nämlich dass es eine zwiefache Art von Berufung gibt. Das ist zunächst die allgemeine Berufung, kraft derer Gott durch die äußere Predigt des Wortes alle gleichermaßen zu sich einlädt, auch die, welchen er solche Predigt als 'Geruch des Todes' und als Anlass zu desto schwererer Verdammnis anbietet. Die andere Art der Berufung ist die besondere [...], indem er nämlich vermittels der innerlichen Erleuchtung durch seinen Geist bewirkt, dass das gepredigte Wort in ihrem Herzen einwurzelt" (Institutio, 3. Buch, Kap. 24).
Konnten oder wollten die Eingeladenen gar zur Hochzeit kommen?
Was war der eigentliche Grund, warum sie die Einladung zurückwiesen? Was lesen wir im Text? Über den eigentlichen Grund der Zurückweisung der Einladung ist im Gleichnis zu lesen: Mt 22,3 „Und er sandte seine Knechte aus, um die Eingeladenen zur Hochzeit zu rufen; und sie wollten nicht kommen.“
Es ist daher nicht von einer scheinbaren Einladung auszugehen, die eigentlich nicht als solche gemeint ist ("allgemeiner Ruf"). Der Widerstand und Unwille zu kommen ist auf Seiten der Geladenen festzustellen.
Die Einladung war also echt. Der Text erlaubt nicht die These, die Einladung wäre eigentlich nicht als solche gemeint gewesen und lediglich als ein „allgemeiner Ruf“ zu verstehen gewesen. Die Geladenen („Gerufenen“) wollten nicht kommen. Es handelt sich um eine willentliche Weigerung, der Einladung Folge zu leisten.
Von der willentlichen Ablehnung des Rufes Gottes durch das jüdische Volk lesen wir ebenso entsprechend in Mt 23,37: „Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“
Die dringliche Einladung erging an alle in Israel. Sie aber – jedenfalls die meisten von ihnen – wollten nicht kommen.
Ebenso wie der König im Gleichnis von Mt 22 den Ruf ein zweites Mal wiederholt, nachdem die Ochsen und das Mastvieh geschlachtet waren, richtet Gott durch das Evangelium – nachdem das Opferlamm Jesus Christus geschlachtet war – , seine Aufforderung erneut an sein Volk: Gott lässt durch Männer wie Petrus zu Pfingsten, und später auch durch Stephanus und Paulus sein Volk erneut rufen und fordert es auf zu Jesus Christus zu kommen, da die Erlösung vollbracht ist.
Gott wollte sie in der Tat rufen und ließ die gute Nachricht verkündigen, da er in Christus alles zum Heil vorbereitet hat – sein Volk leistet jedoch bewusst und willentlich Widerstand und bleibt im Unglauben.
Schon in Joh 5,40 hatte der Herr von der jüdischen Führerschaft gesagt „und ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt.“
Nachdem die Juden wiederholt ihre Ablehnung deutlich gemacht haben, berichtet uns Lukas in Apg 13,46 analog dazu „Paulus aber und Barnabas sprachen freimütig: Zu euch musste notwendig das Wort Gottes zuerst geredet werden; weil ihr es aber von euch stoßt und euch selber des ewigen Lebens nicht für würdig haltet, siehe, so wenden wir uns zu den Nationen.“
Das calvinistische Gottesbild konstruiert einen Gott, der etwas will, nämlich das Heil, und eigentlich doch nicht will, der ruft und es doch nicht so meint.
Dem gegenüber bleibt festzuhalten: Gott hat alles getan, dass Menschen Vergebung der Sünden und Gemeinschaft mit Jesus Christus haben können – doch sie haben „nicht gewollt“. Die Verantwortung der Zurückweisung des Evangeliums liegt also nicht an Gott, der die wirksame Berufung verweigern würde, sondern allein am Menschen, der sich dem ernsten Rufen Gottes widersetzt.
James McCarthy bringt in seinem Lehrroman dabei folgenden Gedanken zum Ausdruck: "Die Gäste weigerten sich jedoch, der Einladung zu folgen. Diese Gäste stehen für das jüdische Volk, für das Christus zunächst gekommen war. Die meisten lehnten Jesus ab. Im Gleichnis wurde der König zornig und befahl seinen Dienern, alle zur Hochzeit einzuladen, die sie irgendwo finden konnten. Schnell füllte sich der Festsaal. Die zweite Gästegruppe steht für die vielen Menschen aus den Nationen, die dem Evangelium nach der Kreuzigung Jesu glaubten. Was wichtig ist: In beiden Fällen, egal ob Jude oder Heide, musste der Mensch selber entscheiden, ob er die Einladung zum Hochzeitsmahl annimmt oder nicht." (2006, S. 314).
Gerufen und eingeladen sind im Evangelium alle Menschen (1Tim 2,4), an die das Evangelium ergeht – diejenigen jedoch, die sich rufen lassen und der Einladung nachkommen, sind dann auch von Gott auserwählt, am Hochzeitsmahl teilzunehmen.
Die traurige Wahrheit, dass die Schar derer, die an Jesus Christus glauben einer „kleinen Herde“ (Lk 12,32) gleichkommt, wird in Mt 7,13 beschrieben: “Geht hinein durch die enge Pforte! Denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die auf ihm hineingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden.“ Daher endet das Gleichnis in Mt 22 auch mit dieser Feststellung: „wenige sind auserwählt“.
Die Folgen der Abweisung des Evangeliums in Mt 22 werden erschreckend geschildert „sie kümmerten sich nicht darum“, bzw. „Die übrigen aber ergriffen seine Knechte, misshandelten und töteten sie.“
Die selbe Gleichgültigkeit dem Evangelium gegenüber ist leider bis heute feststellbar, wie die Verfolgung der Boten Gottes zeigt, die durch die Geschichte der Kirche hindurch keine Ausnahme geblieben ist, sondern traurige Wirklichkeit bei den Menschen, die dem Willen Gottes Widerstand leisten.
EIN Ruf- ZWEI Antworten !
Die „Zwei Rufe- Lehre“ ist mit dem Gleichnis des königlichen Hochzeitsmahls also nicht zu belegen. Vielmehr wird darin deutlich, dass Gott die Gnade der Einladung im Evangelium an die Menschen – Juden wie Heiden – in gleicher Weise richtet. Alle erhielten die gleiche eine Einladung. Der Zurückweisung dieser Einladung lag nicht der eigentliche Unwille dessen zu Grunde, der die Einladung ausrichten ließ, sondern war Reaktion der Geladenen darauf: Glaube und Gehorsam oder Unglaube entschieden über die Teilnahme am Hochzeitsmahl. Die Erwähnung weniger Auserwählter ist somit darauf zurückzuführen, dass es wenige sind, die die Gnade Gottes für sich in Anspruch nehmen, dass aber die Masse gleichgültig oder mit Widerstand darauf antwortet.
Aus dem Gleichnis der königlichen Hochzeit wird – entsprechend der anderen Erwählungsstellen – deutlich, dass die Berufung Gottes durch den Menschen (in Umkehr, Buße und Bekehrung) angenommen werden muss. Wer die Berufung Gottes jedoch nicht annimmt, der gehört nicht zu den zum Hochzeitsmahl auserwählten, und es wird ihm ergehen wie dem Mann, der ohne Hochzeitskleid vor dem König nicht bestehen kann (V. 12.13) und trotz seiner Berufung zum Himmelreich verloren geht.
Die calvinistische Sicht, eine Einladung auszusprechen und zu wiederholen mit dem Wissen, dass die Angesprochenen gar nicht kommen können, konstruiert ein verzerrtes Bild dessen, der tatsächlich alle Menschen liebt und auch wirklich retten will.
Matthäus 23,37
Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!
Die calvinistische Deutung
Mt 23,37 stellt für den Calvinismus eine große Herausforderung dar. Man ringt darum, wie das Lehrsystem dort untergebracht werden kann, dass die Rettung selektiv, unwiderstehlich, nach Gottes souveräner Gnadenwahl und unabhängig vom Menschen erfolgt. In diesem Abschnitt wird jedoch dem klaren Willen des Herrn die klare Ablehnung dieses Willens seitens der Menschen, hier der Bevölkerung Jerusalems, gegenübergestellt. Man sieht eine völlige Polarisierung, die man wie folgt wiedergeben könnte: der Heiland wollte das Heil Jerusalems – die Bewohner wollten dies nicht!
Im Anbetracht dessen sprechen calvinistische Theologen, etwa John Piper, nun davon, dass es "zwei Willen in Gott" gibt (zitiert in: Hunt, 2002, S. 340). Im Hinblick auf die Aussage der Heiligen Schrift, dass Gott will, dass alle Menschen, auch ganz Jerusalem, gerettet werden, bedeutet dies den einen Wunsch Gottes. Da Gott jedoch offensichtlich nicht alle Menschen unwiderstehlich rettet, obwohl er dies nach calvinistischer Sicht könnte, entspricht dies seinem anderen, damit konkurrierenden Willen. Johannes Calvin, der sich ebenfalls zu diesem Vers äußert, kommentiert: "Aber man muss näher bestimmen, von was für einem Willen Gottes hier die Rede ist. [...] bis es uns geschenkt wird, zu erkennen, dass er auf wundersamer Weise will, was jetzt seinem Willen zuwider zu sein scheint!" (Institutio, 3. Buch, Kap. 24).
In seiner Studienbibel äußert sich John MacArthur ebenfalls in diesem Sinn und meint zu Mt 23,37: "Gott ist absolut souverän und somit völlig im Stande, das geschehen zu lassen, was immer er wünscht (vgl. Jes 46,10), einschließlich der Errettung jedes Menschen, den er zum Heil erwählt (Eph 1,4.5). Dennoch äußert er zuweilen einen Wunsch über etwas, das er durch seine Souveränität nicht zur Erfüllung bringt" (2002, S. 1349).
Die hierbei aufgestellte Hypothese lautet also, dass Gott alles, was er will, auch tatsächlich durchsetzt. Dies wird auf die Verwirklichung der zum Heil vorgesehenen Gruppe von Menschen bezogen. Dieser eine Wille entspricht der unwiderstehlichen Gnade.
Gott kann also einerseits – so MacArthur – jeden Menschen unwiderstehlich erretten ("Gott kann alles geschehen lassen, was er will"). Andererseits rettet Gott tatsächlich nur einige Menschen, die er aus der Masse Mensch „zum Heil erwählt“ hat und enthält seine Gnade den übrigen Menschen vor. Der souveräne Gott, der alles tun kann, was er will, äußert also angeblich auch Wünsche, die er doch nicht tatsächlich so beabsichtigt, da er diese sonst souverän durchsetzen würde. Calvin und Piper sprechen daher von zwei konkurrierenden Arten von Willen innerhalb der Gottheit.
An dieser Stelle drängt sich der Verdacht der Vermittlung eines verzerrten Gottesbildes auf: einerseits behauptet MacArthur im Hinblick auf Mt 23,37, dass Gott das geschehen lassen kann, was er will, andererseits wünscht sich Gott auch Dinge, die er – obwohl er dies könnte – nicht verwirklichen will bzw. zur „Erfüllung bringt“.
Es handelt sich dabei um eine Differenz von Plan und Ausführung – also einer Einschränkung und Veränderung von Wunsch und Wirklichkeit innerhalb der Gottheit.
An anderer Stelle versucht MacArthur ebenfalls konkurrierende Arten von Willensentscheidungen und Ratschlüssen in der Schrift zu finden; so meint er zu 1Tim 2,4, wo geschrieben steht, dass Gott die Rettung aller Menschen will: "Das gr. Wort für 'will' ist nicht der Begriff, der üblicherweise Gottes Willen oder Beschluss ausdrückt (seinen ewigen Ratschluss), sondern er bezeichnet Gottes wünschenden Willen. Man muss unterscheiden zwischen Gottes Wunsch und seinem ewigen rettenden Vorsatz, der über seine Wünsche hinausgeht. [...] Letztendlich sind Gottes Entscheidungen nicht von seinen Wünschen bestimmt, sondern von seinen souveränen, ewigen Ratschlüssen" (2002, S. 1783).
Es wird also die These aufgestellt, Gott hätte einerseits einen vorweltlichen Ratschluss zur Errettung einiger gefasst, andererseits einen damit im Widerspruch stehenden "wünschenden Willen", um den es angeblich in 1Tim 2,4 gehen würde und der das Heil aller Menschen zum Inhalt hat.
Dave Hunt weist zudem darauf hin, dass MacArthur auch an anderer Stelle ein verzerrtes Bild des göttlichen Willens vertritt: "John MacArthur versucht in einem Kommentar zu 1 Timotheus 4,2 den Calvinismus zu rechtfertigen, in dem er (in seiner Studienbibel) sagt, dass Gott zwei Arten des Willens in Konflikten hat, ein Wille des Begehrens und ein Wille des Ratschlusses: Er will, dass alle gerettet werden, aber sein Ratschluss ist anders! So macht Gott Seinen eigenen Willen zunichte? Verblüffend!" (2005a, o.S.)
Wie man sieht, muss eine gewagte Schriftauslegung konzipiert werden und zwei sich – eigentlich gegenseitig ausschließende – Ratschlüsse bzw. Willensentscheidungen bei Gott behauptet werden, wenn es in der Schrift darum geht, dass der Herr Jerusalem oder auch alle Menschen tatsächlich retten will.
Selbst nach menschlichen Maßstäben wird es als Heuchelei bezeichnet, wenn ein Wunsch geäußert wird, der eigentlich nicht tatsächlich so gemeint ist. Viel schwerwiegender ist es dann, wenn – wie im Calvinismus – dies auf Gott übertragen wird.
In der gesamten Heiligen Schrift findet sich dagegen nicht der geringste Hinweis darauf, dass Gott zwei in Konkurrenz stehenden Willensentscheidungen, sozusagen mit einem inneren Dilemma zu kämpfen hätte oder etwas zum Ausdruck bringt, was er tatsächlich nicht so meint. Die Schrift zeigt uns vielmehr, dass der geäußerte Wunsch der Rettung und Erlösung tatsächlich von Gott gewollt ist, er seine Geschöpfe liebt und es in Folge die Verantwortung der Menschen, auch der Bevölkerung Jerusalems ist, das Heil in Buße und Glauben anzunehmen, um gerettet zu werden.
Jean Gibson et al. äußert sich zu dieser umstrittenen Schriftstelle wie folgt: "Jesus weinte über eine Stadt, die ihn ablehnte und sagte 'Ich wollte...aber ihr habt nicht gewollt' (Lk 13,34, Mt 22,37). Als er weinte und schmerzlich diese Worte sprach, war dies keineswegs ein Widerspruch, als ob er genau wusste, dass es ihnen eigentlich aufgrund ihrer Unfähigkeit unmöglich war zu antworteten, und er ihnen selbst die Reaktion überhaupt nicht ermöglichen würde. Vielmehr sagt er damit, dass sie hätten antworten können, sich jedoch geweigert haben." (1992, S.3).
Johannes 6,37
"Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen."
Ein Belegtext für den Calvinismus?
In diesem Vers vermuten Calvinisten, dass Gott der Vater seinem Sohn, die Menschen zur Erlösung gibt, die er vor Grundlegung der Welt zum Heil bestimmt hat. "Alles, was mir der Vater gibt" wird auf die vorweltlich Erwählten bezogen, die zur Errettung an Christus übergeben werden.
Auch in Vers 39 werden die Erwählten als Gabe des Vaters an den Sohn gesehen, der sie erlösen und auferwecken soll. Dort heißt es: "Und das ist der Wille des Vaters, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich es auferwecke am letzten Tag."
Der Calvinist Palmer schreibt dazu: "Die Erwählten sind die Gabe des Vaters an den Sohn. Für diese starb er und diese werden zu der bestimmten Zeit als Gaben zu ihm kommen". Ebenso meint Palmer: "Es ist deutlich zu sehen, dass die, welche am letzten Tag auferweckt werden – alles echte Gläubige – Christus vom Vater gegeben wurden. Und nur die, die der Vater Christus gibt, können zu ihm kommen." (jeweils zitiert in: Vance, 2002, S. 342).
Calvinisten glauben auf Grundlage dieser Schriftstellen, dass die Erwählten bereits im Besitz des Vaters waren, um aus seiner Hand an den Sohn zur Erlösung übergeben zu werden (vgl. Vance, 2002, S. 343).
Bereits an diesem Punkt müssen erste Zweifel angemeldet werden, denn Ungläubige werden in der Schrift als unter der Obrigkeit der Finsternis, als Kinder Satans und Feinde Gottes beschrieben, jedoch nicht als Menschen, die sich in der göttlichen Hand des Vaters befinden. Christus sagt zu den ungläubigen Juden: "Ihr seid von dem Vater, dem Teufel!" (Joh 8,44).
Die zwei Gruppen der jüdischen Zuhörer
Die damalige Zuhörerschaft des Herrn Jesus zerfiel in zwei Gruppen: Der eine Teil des jüdischen Volkes leistete dem Wort, das der Herr bereits gesprochen hat, Widerstand, murrte (V.43) und war nicht bereit, Gottes Willen zu tun und seinem Wort zu gehorchen und dies trotz der Wunder, die der Herr im Volk getan hatte. Gott der Vater wird die Menschen, die das Wort des Herrn verworfen haben und gegen den Messias Gottes Widerstand leisten, nicht auch zu Jesus Christus ziehen (V. 44).
Es gibt in der Schrift keine billige Gnade, so dass der Mensch mit Gottes Heil spielen kann und zu Jesus kommen kann, wann und wie er will. Vielmehr hat der Mensch zu gehorchen, wenn Gott ihn zu Jesus Christus ruft – leistet er jedoch Widerstand, wird dies von Gott akzeptiert und er wird nicht weiter von Gott zum Heil in Christus gezogen, sondern in seinen Willen dahingegeben.
Die Zuhörerschaft zerfällt nicht bereits vor Grundlegung der Welt in Auserwählte und Verworfene, sondern erst nachdem das Evangelium und das Wort des Herrn an sie gerichtet worden war und es sich zeigte, dass eine Gruppe nicht den Willen Gottes tun wollte, obwohl das Volk der Juden Jahrhunderte auf das Kommen des Messias Jesus Christus vorbereitet worden war.
Es geht nicht um eine automatische Umwandlung einiger gottfeindlicher, äußerlicher Juden durch die unwiderstehliche Gnade. Die Grundlage für Gottes Wirken ist vielmehr der bereits vorhandene Glaube und die Bereitschaft seinen Willen zu tun. Echte innere und mit Glauben und Gehorsam verbundenes Zugehörigsein zum alttestamentlichen Gottesvolk erweist sich, indem die damaligen Juden zu Jesus Christus als ihrem verheißenen Messias kommen und an ihn glauben.
Der Zusammenhang ist aufschlussreich: Es geht im Kontext der Zuhörerschaft einerseits um gläubige Juden und auch um ungläubige Juden, die nur äußerlich dem Gottesvolk angehören und dies durch ihren Widerstand gegen den Gesandten des Vaters zeigen. Die Gabe Gottes an Jesus Christus sind die gläubigen Juden, d.h. der jüdische treue Überrest, der zu Jesus, aufgrund ihres Glaubens an die Aussagen Gottes über den kommenden Messias, kommt. Dieser verheißene Erlöser steht gerade vor ihnen. Das "Israel Gottes" (Gal 6,16) bzw. der gläubige jüdische Überrest glaubte damals auch an den Erlöser Israels.
Die gläubigen Juden, die gerettet werden wollen, übergibt der Vater an den Sohn. Diese Juden werden sich daher an den Sohn wenden, zu ihm kommen. Der Sohn wird sie aufnehmen und ihm treu bleiben, d.h. er wird ihn auch später nicht hinausstoßen (V. 37).
Warum ist das so? Warum wird Christus dem Glaubenden treu bleiben? – Weil er gerade deshalb vom Himmel herab gekommen ist, damit er den Willen des Vaters tue. Und der Wille des Vaters ist, dass der Sohn die ihm Anvertrauten ans Ziel bringt.
Das Ziel ist Auferweckung am letzten Tag. Der Vater will, dass jeder Glaubende ewiges Leben habe, ans Ziel komme.
Es hat die Aussage in Hebräer 11,1 auch hier Berechtigung, wonach es ohne Glaube unmöglich ist, Gott zu gefallen, daher muss auch hier Glauben – wenn auch nicht bereits der Glaube an Jesus Christus – vorausgesetzt werden. Wir sehen ein ähnliches Beispiel in Kornelius, der "fromm und gottesfürchtig war" und daher zu Jesus Christus kommt.
In Verbindung mit Joh 7,17 "Wenn jemand seinen [Anm. des Vaters] Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist oder ob ich aus mir selbst rede.", wird deutlich, dass die Bereitschaft Gottes Willen zu tun, Voraussetzung sein muss, um zu Jesus Christus zu kommen. Vom alttestamentlichen Gottesvolk war dies zu erwarten, da diese sämtliche Verheißungen und das Zeugnis vom Sohn Gottes in den prophetischen Schriften hatte.
Es gab leider ungläubige Juden, die in Folge dessen nicht zu Jesus Christus kamen:
Joh 5,38 "und sein Wort habt ihr nicht bleibend in euch; denn dem, den er gesandt hat, dem glaubt ihr nicht. Ihr erforscht die Schriften, denn ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben, und sie sind es, die von mir zeugen; und ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt"
Im Sinne des Calvinismus müsste dieser Vers interpretiert werden, dass dieser Teil der Juden nicht zu Christus kommen konnte, da er nicht dazu auserwählt war. Die Angabe dieses Grundes fehlt hier – wir erfahren in Joh 5,40 vielmehr die eigentliche Ursache: „ihr wollt nicht zu mir kommen“.
Die Gruppe der Juden, die zu Jesus Christus kommt, befanden sich hingegen nicht in einem Zustand der Gottfeindlichkeit und des Abfalls, sondern wollten den Willen Gottes tun und fanden daher auch zu Jesus. Dieser gläubige Überrest ist die Gabe Gottes an Jesus Christus zur Zeit des irdischen Dienstes Jesu unter dem Volk der Juden. Wohl bedeutet dies, dass der Vater die gläubigen Juden zur Erdenzeit Jesu –nach dessen Auftreten als beglaubigter Messias – als Gabe dem Sohn übergeben hat. In diesem Sinn gibt es diese Besonderheit für Heiden während der Gemeindezeit nicht und der Vers kann nicht unmittelbar auf die Bedingungen der Gemeindezeit angewandt werden.
Johannes 6,44
„Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht“
Wirksame Berufung und unwiderstehliche Gnade?
Dieser Vers wird häufig von Calvinisten herangezogen, um zu belegen, dass der Mensch unfähig zum Glauben sei, wenn er das Evangelium hört, und Gott ihm, so er zu den Erwählten gehört, unwiderstehlich zu sich ziehe und den rettenden Glauben schenken müsse. Dieser Zug Gottes erfolgt jedoch an denen, die vorweltlich zum Heil vorherbestimmt wurden, alle anderen Menschen (d.h. "niemand") könnten dem Ruf im Evangelium nicht folgen.
Spencer etwa meint: "Ein Mensch braucht Gott, der ihn unwiderstehlich durch seine Gnade zieht" und führt dazu Joh 6,44 an (1979, S. 60).
Was lehrt dieser Vers und was nicht
Um die calvinistische Meinung zu diesem Vers prüfen zu können, sollte dieser im Zusammenhang gelesen werden: "Da murrten die Juden über ihn, weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, und sprachen: Ist dieser nicht Jesus, Josephs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie spricht er denn: Ich bin vom Himmel herabgekommen? Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: Murret nicht untereinander! 44 Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat, und ich werde ihn auferwecken am letzten Tage. Es steht geschrieben in den Propheten: «Sie werden alle von Gott gelehrt sein.» Jeder, der vom Vater gehört und gelernt hat, kommt zu mir." (Joh 6,41-56).
Jesus richtet diesen Vers an Juden, die sich seinen Ansprüchen als Messias widersetzen und gegen ihn murren. Im folgenden Vers wird berichtet, dass alle von Gott gelehrt sein würden. Das Wort "alle" sollte in diesem Zusammenhang nicht übersehen werden. Das jüdische Volk war insgesamt, da ihnen die Worte Gottes anvertraut waren (Röm 3,2), von Gott gelehrt und daher im Stande, aufgrund der Aussagen im Alten Testament, Jesus als den verheißenen Messias zu erkennen und anzunehmen.
Der Schrift gehorsame Juden bzw. die gläubigen und geretteten Juden unter dem alten Bund wurden vom Vater zu Jesus Christus gerufen und gezogen – die im Ungehorsam Bleibenden wurden jedoch nicht unwiderstehlich gläubig. Der heilige Geist, der die Wiedergeburt vermittelt, war ohnehin noch nicht ausgegossen. Entscheidend war also individueller Glaube und Gehorsam dem Wort des Alten Testaments gegenüber, das von Jesus als dem verheißenen Messias spricht.
Warum kamen die angesprochenen Juden nicht zu Christus?
Die Kennzeichen derer, die Jesus ablehnen, finden sich in Joh 5,37ff „Und der Vater, der mich gesandt hat, er selbst hat Zeugnis von mir gegeben. Ihr habt weder jemals seine Stimme gehört, noch seine Gestalt gesehen, und sein Wort habt ihr nicht bleibend in euch; denn dem, den er gesandt hat, dem glaubt ihr nicht. Ihr erforscht die Schriften, denn ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben, und sie sind es, die von mir zeugen; und ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt. Ich nehme nicht Ehre von Menschen; sondern ich kenne euch, dass ihr die Liebe Gottes nicht in euch habt. Ich bin in dem Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht auf; wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, den werdet ihr aufnehmen. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, nicht sucht? Meint nicht, dass ich euch bei dem Vater verklagen werde; da ist einer, der euch verklagt, Mose, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. Denn wenn ihr Mose glaubtet, so würdet ihr mir glauben, denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?“
Hier ist keine Rede von einer fehlenden Erwählung Gottes als Begründung ihres Unglaubens. Wer den Vater nicht kennt, nicht ehrt, die Liebe zu ihm nicht hat, dem Zeugnis der Schriften nicht glaubt und gehorcht, wird in Folge auch nicht zu Jesus Christus kommen wollen, von dem diese Schriften sprechen. Die murrenden Juden wollten nicht zu Christus kommen, weil sie dem damals vorliegenden Wort Gottes des Alten Testamentes nicht glaubten.
Wie kommt man zu Jesus Christus: Hören – Lernen – Kommen
Joh 6,45f „Es steht in den Propheten geschrieben: «Und sie werden alle von Gott gelehrt sein.» Jeder, der von dem Vater gehört und gelernt hat, kommt zu mir.“
Voraussetzung um zu Jesus Christus zu kommen, war das Hören auf Gottes Wort und das gehorsame Lernen dessen, was darin enthalten ist. Hier ist der Bezug zum Alten Testament gegeben. Wenn Juden die Anweisungen Gottes im Alten Testament befolgen wollten, würden sie zu Christus kommen. Als die Gabe des Vaters an den Sohn werden diejenigen bezeichnet, die das Wort Gottes bewahrt haben: "sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt." (Joh 17,6).
Da viele der Zuhörer nicht zu Christus kommen wollten, sind sie nicht Teil derer, die von Gott belehrt sind und auf den Vater hören und ihm gehorchen, zu Christus zu kommen. Gott zieht demnach diejenigen Juden, die bereit sind, Gottes Willen zu tun, nicht aber diejenigen die den Glauben an den verheißenen Messias und dessen Auftreten, das durch Zeichen und Wunder von Gott bestätigt worden ist, verworfen haben. Den murrenden Juden wird von Christus gesagt, dass sie aufgrund ihrer Verwerfung des Alten Testamentes und des darin verheißenen Messias, nicht vom Vater zum Heil in Christus gezogen werden würden.
Joh 6,44 spricht nicht von einem willkürlichen Ziehen des Vaters zum Sohn, als ob die zur Wiedergeburt Vorherbestimmten automatisch zu Christus gezogen würden und die übrigen Menschen übergangen werden. Christus spricht in diesem Vers nicht zu Menschen, die vorweltlich vom Heil in Christus ausgeschlossen waren, sondern von Juden, die sich ihm bewusst widersetzen und gegen ihn murren und in keiner Gemeinschaft mit dem Vater waren.
Die murrenden Juden wiesen das Heil ab. Wer nicht gerettet werden möchte, wird daher auch nicht zum Sohn gezogen und daher auch nicht zum Sohn kommen und daher auch kein ewiges Leben erhalten.
Jeder, der gerettet werden will, wird zu Jesus Christus kommen. Er wird nicht beim Vater stehen bleiben. Warum nicht? – Weil ihn der Vater zum Sohne hin weist und zum Sohne hin zieht. Dort beim Sohn ist Heil! Aus diesem Grunde hat nur der, der an den Sohn (!) glaubt, ewiges Leben. Die Juden, die mit Jesus Christus sprachen und noch nicht verstanden, dass nur bei Jesus Christus Heil ist, meinten das Heil wäre nicht bei Christus, sondern bei Gott, d.h.: in den Schriften, bei Mose (5,39; 6,32; 9,28), zu finden. Jesus zeigte ihnen, wo sie Brot und Leben finden konnten. Das war ja die Frage, um die es ging. Jesus teilte ihnen in diesen Versen mit, dass nicht nur er von sich behauptete, dass das Leben/das Heil bei ihm zu finden sei, sondern dass der Vater selbst auf den Sohn weist (und zwar durch Lehre, V. 45) und zum Sohne hin zieht (V. 44). Und wer immer zum Sohn kommt, ist vom Vater zum Sohn gezogen worden. Es sollte den Hörern nun klar werden, dass Jesus Christus nicht gegen den Willen des Vaters handelt, wenn er sagt, dass das Heil und das Leben nur beim Sohn zu finden ist: „Wahrlich! Wahrlich! Ich sage euch: Der, der an mich glaubt, h

